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Maria aus Magdala erinnert sich
Text: Johannesevangelium 17, 1–11a - Übersetzung: Elberfelder Bibel
1 Dies redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht, 2 wie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, dass er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gibt! 3 Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. 4 Ich habe dich verherrlicht auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte. 5 Und nun verherrliche du, Vater, mich bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war! 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. 7 Jetzt haben sie erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist; 8 denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und haben geglaubt, dass du mich gesandt hast. 9 Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein 10 - und alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, mein -, und ich bin in ihnen verherrlicht. 11a Und ich bin nicht mehr in der Welt, und diese sind in der Welt, und ich komme zu dir.
Maria aus Magdala erinnert sich
Ich erinnere mich an diesen Abend, als hätte er sich in mein Herz eingebrannt. Wir waren ein großer Kreis, Männer und Frauen. Der Freundeskreis Jesu.
Ich saß nahe bei ihm. Ich hörte jedes Wort, sah alle seine Gesten und jede Regung seines Gesichtes. Der Raum war erfüllt von Stimmen, von Fragen, von einem Unruhigsein. Ich spürte, etwas lag in der Luft, etwas, das ich nicht benennen konnte.
Dann stand er auf. Nahm Wasser. Ein Tuch. Er - der uns aufgerichtet hatte, kniete sich nieder. Vor uns. Vor jeder und jedem Einzelnen. Ich sah seine Hände. Wie zärtlich und behutsam sie waren. Wie sie den Staub des Weges von den Füßen wuschen. Mit einer Liebe, die tiefer ging als Worte. Als er mir die Füße wusch, dachte ich: So ist Gott. Nicht fern. Einer, der sich hinabbeugt, um uns zu bedienen.
Später saßen wir wieder. Das Mahl war einfach - und doch war alles anders. Er sprach von Abschied. Und ich wollte es nicht hören. Er sprach davon, dass er geht - und doch bleibt. Er sprach davon, dass wir nicht allein sein werden. Dass er seinen Abba bitten werde, uns einen Beistand zu schenken, der immer bei uns bleibt.
Seine Worte waren wie Licht - und zugleich wie ein Schatten, der sich über mein Herz legte. Ich verstand nicht alles. Wie hätte ich auch? Ich fühlte: Er spricht nicht nur zu unseren Ohren. Er spricht in unsere Herzen.
Dann hörte er auf zu uns zu sprechen. Er hob den Blick. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Er sah nicht uns an - und doch fühlte ich mich tiefer gesehen als je zuvor. Sein Blick ging nach oben. Und es war, als würde sich ein Raum öffnen, den ich nicht sehen konnte, und der doch da war. Ganz nah. Mitten unter uns.
Und dann sagte er: 'Abba ...' Dieses Wort hat mich durchdrungen. Nicht wie ein Gebet, das man spricht, weil man es gelernt hat. Sondern wie ein Atem, der aus der Tiefe kommt. Wie Vertrauen. Wie Heimat.
Er sprach weiter. Er sagte, dass seine Stunde gekommen ist. Dass alles, was er gelebt hat, jetzt sichtbar wird. Er sprach von Herrlichkeit - und ich verstand: Das ist nicht Glanz. Das ist Liebe, die sich hingibt bis zum Äußersten.
Er sprach von uns. Ja - von uns. Dass wir ihm gegeben sind. Dass wir bewahrt werden sollen. Dass wir eins sein sollen, wie er eins ist mit seinem Abba. Wie kann das sein, dachte ich, dass wir in seinem Gebet zu seinem Abba vorkommen? Dass wir in seinem Herzen sind, wenn er mit seinem Abba spricht? Und doch war es so. Ich fühlte ganz tief: Ich bin gemeint. Nicht als eine von vielen. Sondern als ich. Er sprach - und ich hörte nicht nur Worte. Ich hörte, wie er uns in Gott hineinstellte. Wie er uns hineinnimmt in diese Beziehung, die zwischen ihm und seinem Abba ist. In diesem Moment war alles still in mir. Keine Angst. Keine Frage. Nur dieses eine: Ich gehöre zu ihm und zu seinem Abba.
Auch jetzt, Jahre später, wenn ich daran denke, ist diese Erfahrung wieder da. Ich habe vieles vergessen. Manches verschwimmt. Aber das nicht. Wie er 'Abba' sagte. Wie er uns darin mitnahm. Ich habe erfahren: Liebe kann nicht verloren gehen. Und manchmal, wenn es dunkel wird in mir, wenn Zweifel kommen, wenn Angst mich befällt, dann kehre ich zurück in diesen Raum. Sehe ihn vor mir. Höre seine Stimme. Und wieder ist es da, dieses tiefe Vertrauen: Ich bin gehalten. Wir sind gehalten. Im Herzen dessen, den Jesus 'Abba' nennt.