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Das ursprüngliche Gleichnis Jesu von den zehn Brautjungfern - ein Rekonstruktionsversuch
Text: Matthäusevangelium 25, 1-13
Die Frage nach der ursprünglichen Gestalt dieses Gleichnisses ist besonders interessant, weil wir zwischen der Botschaft Jesu und der späteren Deutung durch den Evangelisten Matthäus unterscheiden müsen.
Jesus verkündete das Reich Gottes als eine Wirklichkeit, die bereits anbricht. Seine Botschaft war eine Einladung, sich der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes zu öffnen. Matthäus hingegen schrieb sein Evangelium in einer Zeit, in der die christlichen Gemeinden bereits seit Jahrzehnten auf die Wiederkunft Jesu warteten. Es ist daher durchaus denkbar, dass Jesus ursprünglich ein Gleichnis über die Bereitschaft für das Reich Gottes erzählte, das Matthäus später zu einem allegorischen Gleichnis (Bild für Bild - Deutung) über das endzeitliche Gericht umgestaltete.
Matthäus wollte seine Gemeinden ermutigen, trotz der ausbleibenden Wiederkunft Jesu nicht nachlässig zu werden. Die Erwartung des Endgerichts verlieh seiner Mahnung eine besondere Dringlichkeit. Die Botschaft erhielt dadurch jedoch einen anderen Akzent: Aus der Einladung, das Leben im Reich Gottes nicht zu versäumen, wurde eine eindringliche Warnung vor dem endgültigen Ausschluss.
Jesus vergleicht das Reich Gottes wiederholt mit einem Hochzeitmahl. Ein Hochzeitsfest ist ein Ereignis der Freude, der Gemeinschaft und des erfüllten Lebens. Schon dieses Bild ist bedeutsam. Jesus beginnt nicht mit einer Drohung, sondern mit einer Einladung. Gott bereitet den Menschen ein Fest. Er möchte, dass sie daran teilnehmen und seine Freude teilen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wer wird am Ende bestraft? Sondern: Wer erkennt die Einladung Gottes und lässt sich auf sie ein? Das wirklich Wichtige darf im Leben nicht versäumt werden.
Die fünf unvorbereiteten Brautjungfern sind keine bösen Menschen. Sie haben niemandem geschadet, niemanden betrogen und kein Unrecht begangen. Sie haben lediglich nicht ausreichend vorgesorgt. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur späteren allegorischen Deutung, in der die fünf Törichten zu Menschen werden, die im endzeitlichen Gericht ausgeschlossen werden. In der ursprünglichen Erzählung Jesu könnte ihre Unachtsamkeit für eine menschliche Grundhaltung stehen: Menschen leben an den entscheidenden Möglichkeiten ihres Lebens vorbei, weil sie das Wesentliche immer wieder auf später verschieben. Sie versäumen nicht das ewige Heil, sondern eine einmalige Gelegenheit.
Wenn wir Jesu Verkündigung von der bedingungslosen Liebe Gottes her verstehen, erscheint folgende Deutung besonders stimmig: Jesus wollte die Menschen aufwecken für die kostbaren Möglichkeiten ihres gegenwärtigen Lebens. Das Reich Gottes beginnt jetzt schon, wenn Menschen sich der Güte Gottes öffnen, einander mit Menschlichkeit begegnen, einander vergeben, füreinander da sind, Barmherzigkeit üben. Wer Menschlichkeit immer auf morgen verschiebt, versäumt die Freude, die heute möglich wäre. Wer die Versöhnung immer auf später verschiebt, verliert unwiederbringliche gemeinsame Zeit. Wer die Einladung zum Leben übersieht, beraubt sich selbst einer kostbaren Erfahrung. Dabei geht es nicht um Gott, der irgendwann seine Tür für immer verschließt. Es geht um die Wirklichkeit, dass das menschliche Leben aus Augenblicken besteht, die nicht beliebig wiederkehren. Eine versäumte Gelegenheit bedeutet nicht, dass Gott einen Menschen aufgibt. Gottes Liebe bleibt bestehen, auch wenn der Mensch das Wesentliche versäumt hat.
Wie verlief eine Hochzeit zur Zeit Jesu? Eine Hochzeit war damals nicht bloß eine kurze Feier, sondern ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis, an dem Familien, Verwandte, Freundinnen und Freunde und oft auch Menschen aus der Dorfgemeinschaft teilnahmen.
Die Eheschließung erfolgte gewöhnlich in mehreren Schritten:
Die Verlobung: Zunächst wurde eine rechtlich verbindliche Verbindung zwischen Braut und Bräutigam vereinbart. Die beiden lebten jedoch noch nicht zusammen. In dieser Zeit wurden die Voraussetzungen für das gemeinsame Leben geschaffen.
Die Heimholung der Braut: Der eigentliche Beginn des ehelichen Zusammenlebens wurde durch die feierliche Überführung der Braut in das Haus des Bräutigams beziehungsweise seiner Familie begangen.
Das Hochzeitsfest: Musik, gemeinsames Essen, Freude und festliche Begegnungen begleiteten die Hochzeit. Die Feierlichkeiten konnten sich über mehrere Tage erstrecken.
Der Hochzeitszug war ein besonders festlicher Teil der Hochzeit. Der Bräutigam begab sich mit Begleitpersonen zum Haus der Braut, um sie abzuholen. Anschließend fand ein feierlicher Zug zum Haus des Bräutigams statt, wo das Fest vorbereitet war. Wenn dieser Zug am Abend oder in der Nacht stattfand, benötigten die Beteiligten Licht. Hier kommen die zehn jungen Frauen aus dem Gleichnis ins Spiel. Ihre Aufgabe bestand darin, dem Bräutigam entgegenzugehen und ihn mit ihren brennenden Fackeln zu begleiten. Die Lichter trugen zur festlichen Atmosphäre bei und machten den Hochzeitszug sichtbar. Bei den "Lampen" wird es sich um Fackeln gehandelt haben, die mit ölgetränktem Material brannten und wiederholt mit Öl versorgt werden mussten. Das erklärt, weshalb die jungen Frauen zusätzliches Öl mitnehmen sollten.
Welche möglichen Ursachen führten dazu, dass sich das Kommen des Bräutigams verzögerte?
Verhandlungen zwischen den Familien: Nach später bezeugten palästinensischen Hochzeitsbräuchen konnte es beim Abholen der Braut zu einem längeren Austausch über die Hochzeitsgeschenke kommen. Die Angehörigen der Braut ließen den Bräutigam warten, um symbolisch auszudrücken, wie kostbar ihnen die Braut war. Solche Verhandlungen konnten sich über Stunden hinziehen.
Festliche Rituale im Haus der Braut: Begrüßungen, Segenswünsche, gemeinsame Mahlzeiten und andere Feierlichkeiten konnten mehr Zeit beanspruchen als erwartet.
Der Weg zwischen den Häusern: Wenn die Familien in verschiedenen Orten wohnten oder der Hochzeitszug durch das Dorf führte, konnte die Ankunft später erfolgen als vorgesehen.
Eine bewusst ausgedehnte Feier: Ein Hochzeitszug war kein eiliges Unternehmen. Musik, Begegnungen und festliche Unterbrechungen gehörten zur Freude des Ereignisses.
War es üblich, unvorbereitete Brautjungfern vom Fest auszuschließen? Dass eine junge Frau ihren Platz im Hochzeitszug versäumte, weil ihre Fackel nicht brannte, ist durchaus vorstellbar. Dass sie deshalb endgültig vom gesamten Hochzeitsfest ausgeschlossen wurde, ist dagegen keineswegs als allgemeiner Hochzeitsbrauch nachgewiesen. Noch ungewöhnlicher ist die Antwort des Bräutigams: "Ich kenne euch nicht." Die jungen Frauen gehören schließlich zu den eingeladenen Hochzeitsbegleiterinnen. Weshalb sollte der Bräutigam sie plötzlich nicht mehr kennen? Gerade diese Unstimmigkeit könnte darauf hinweisen, dass die Erzählung nicht einfach einen gewöhnlichen Hochzeitsablauf wiedergibt, sondern bereits durch ihre religiöse Deutung geprägt ist.
So könnte die ursprüngliche Fassung des Gleichnisses gelautet haben:
Zehn junge Frauen nahmen ihre Fackeln und gingen hinaus, um einen Bräutigam auf seinem Weg zum Hochzeitsfest zu begleiten. Fünf von ihnen
waren umsichtig und nahmen genügend Öl mit. Die anderen fünf hatten nicht ausreichend vorgesorgt.
Weil der Bräutigam lange ausblieb, wurden alle müde und schliefen ein.
Mitten in der Nacht ertönte der Ruf: "Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!" Da standen alle auf und machten ihre Fackeln bereit.
Doch fünf von ihnen hatten nicht mehr genügend Öl. Während sie neues Öl besorgten, kam der Bräutigam.
Die fünf vorbereiteten jungen Frauen begleiteten ihn zum Hochzeitsfest. Die anderen kamen zu spät und hatten den Hochzeitszug versäumt.