Der ICH BIN
Text: Johannesevangelium 6, 16–21 - Wortgetreue Übersetzung aus dem Griechischen
16 Wie es dann Abend geworden, stiegen seine Jünger hinab zum See. 17 Und sie stiegen in ein Boot und setzten über jenseits des
Sees nach Kafarnaum. Und da: Dunkelheit war schon angebrochen, doch noch nicht war Jesus zu ihnen gekommen, 18 und der See unter heftig wehendem
Winde ging hoch. 19 Sie hatten bereits zurückgelegt etwa 25 bis 30 Stadien (5-6 km),
da schauen sie Jesus, wie er einherschreitet auf dem
See und nahe dem Boot kommt, und Angst überkam sie. 20 Er aber sagt ihnen: Ich bin. Habt keine Angst. 21 Da wollten sie ihn ins Boot nehmen,
und sogleich war das Boot am Land, auf das sie zuhielten.
Quelle: Charles-François Jalabert, 19. Jhdt.Klicke auf das Bild, um es zu vergrößern!
Gottes Wort ist uns Orientierung
Das vierte Evangelium ist voller Bilder und bildhafter Vergleiche.
Abend, Einbruch der Dunkelheit, Finsternis, Nacht, See, Sturm, Wogen sind Bilder für unsere Bedrängnisse und Abgründe, für Existenzangst, Sorgen, Notlagen, Lebenskrisen, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Jeder Mensch begegnet im Laufe seines Lebens solchen Situationen, wo er gleichsam wie eine Nussschale auf offener See hin und her geworfen wird. Da wird unser Leben geschüttelt von Kräften, die wir nicht im Griff haben, denen wir hilflos ausgeliefert sind.
Das ist die Botschaft dieser Evangelienstelle für uns: Christus, der ICH BIN, der ewig Gegenwärtige, ist bei uns, mit uns, um uns herum und in uns in den Stürmen und Abgründigkeiten unseres Lebens. Auf seine bleibende Nähe dürfen wir vertrauen und hoffen. Auf Christus vertrauen und hoffen ist wie ein Anker, an dem unser Lebensschiff Halt und Sicherheit findet.
Ich denke an einen Mann am Beginn des fünften Lebensjahrzehnts. Er war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Nach einer schwierigen Kindheit und Jugendzeit fand er nie wirklich festen Halt und dauerhaften Sinn in seinem Leben. Er hat nie gelernt, sich Menschen zu öffnen und mit ihnen über seine seelische Not zu sprechen. Auch seiner Frau vertraute er sich nicht an. Stattdessen suchte er Trost im Alkohol. Seine Frau merkte seine Seelennot und empfahl ihm in Therapie zu gehen. Er lehnte ab.
Eines Tages rief er seine Frau auf ihrem Arbeitsplatz an und sagte ihr: 'N., ich hab dich lieb.' Weil er ihr diese Worte am Telefon noch nie gesagt hatte, kam ihr das äußerst eigenartig vor. Spontan ahnte sie, dass er etwas Furchtbares vorhatte, und antwortete ihm: 'N., mach keinen Unsinn.' Dann beendete er das Telefonat. Sofort stieg sie in ihr Auto und fuhr heim. Auf der Heimfahrt sah sie einen Regenbogen, den sie als Zeichen deutete, dass mit ihrem Mann in diesen Momenten etwas Schreckliches geschieht. Als sie heimkam, hatte ihr Mann sein Leben durch Suizid schon beendet.
Den Regenbogen sehe ich als Zeichen Gottes, der dieser verzweifelten Frau sagt: 'Wenn jetzt etwas passiert, das dein Leben zutiefst erschüttert und dein Herz zu brechen droht, ich - der ICH BIN - bin bei dir. Ich verlass dich nicht. Ich bin erschüttert mit dir, ich weine, schreie und klage mit dir, ich gehe mit dir durch deine Ängste, deinen Schmerz, dein Trauma und deine Trauer. Und deinen Mann trage ich heim in meine Himmelsherrlichkeit, ins unvergängliche Licht. Vertraue! In meiner Himmelsherrlichkeit wird er finden, was er in diesem Leben nicht gefunden hat: Freude und Glückseligkeit.'
Ich denke an die Menschen in der Ukraine, in Russland, im Gazastreifen, im Libanon, in Israel. Ich sehe getötete Soldaten und Zivilisten, unter ihnen unzählige Kinder. Ich sehe Frauen, Kinder, Eltern, Freunde, die weinen, jammern und wehklagen um ihre Ehemänner, Lebensgefährten, Väter, Söhne, die im Krieg ihr Leben verloren haben. Ich sehe zerstörte Häuser und Wohnungen, Trümmerhaufen, zerbombte Infrastruktur. Ich sehe Menschen, die um ihr Leben rennen oder auf der Flucht sind. Ich sehe unvorstellbares Entsetzen der Menschen in den Kriegsgebieten.
Christus - der ICH BIN, der ewig Gegenwärtige - ist mitten unter den Leidenden, Verängstigten und Verzweifelten und sagt jedem und jeder Einzelnen: Soldat, Frau, Kind, Mutter, Vater, Freundin, Freund, ICH BIN BEI DIR. Ich weine, schreie und klage mit dir. Ich gehe mit dir durch dein Entsetzen, deinen Schrecken, deine Panik, deine Ängste, deine Verzweiflung, dein Trauma, deine Trauer. Vertrau auf mich! Halte dich fest an mir!
Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.