Der reiche Zöllner und der arme Schriftgelehrte
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Der reiche Zöllner und der arme Schriftgelehrte - eine Erzählung

Die Geschichte vom reichen Zöllner Bar Ma'jan und dem armen Schriftgelehrten gehört zu einer alten jüdischen Erzähltradition. Sie ist in Varianten im palästinischen Talmud überliefert; ihr Motiv hat wahrscheinlich noch ältere ägyptische Wurzeln. Besonders interessant ist ihre Nähe zu Jesu Gleichnissen vom königlichen Hochzeitsmahl (Matthäus 22, 1-10) und vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lukas 16, 19-31).

In einer Stadt lebte ein reicher Zöllner namens Bar Ma'jan. Er hatte es zu großem Wohlstand gebracht. Ein besonders frommes Leben führte er jedoch nicht. Sein Reichtum und sein gesellschaftliches Ansehen waren ihm wichtiger als die Not der Menschen um ihn herum. In derselben Stadt lebte ein armer Schriftgelehrter. Er besaß kaum etwas. Er führte ein stilles Leben, studierte die Heilige Schrift und bemühte sich, gerecht vor Gott und den Menschen zu leben. Von der Öffentlichkeit wurde er kaum beachtet.

Eines Tages veranstaltete Bar Ma'jan ein großes Festmahl. Er wollte die angesehenen und einflussreichen Männer der Stadt bewirten und hatte alles aufs Beste vorbereiten lassen. Die Tische waren gedeckt, köstliche Speisen standen bereit. Doch die eingeladenen Honoratioren kamen nicht. Bar Ma'jan wartete - vergeblich. Da wurde er zornig. Die Speisen sollten nicht verderben. Also ließ er die Armen der Stadt holen. Menschen, die sonst niemals an einem solchen Tisch Platz nehmen durften, wurden hereingebeten. Sie konnten essen und trinken, bis sie satt waren. So hatte Bar Ma'jan - wenn auch vielleicht nicht aus reiner Menschenliebe - etwas Gutes getan: Er hatte den Armen ein Fest bereitet.

Nicht lange danach starb Bar Ma'jan. Und nun geschah etwas Erstaunliches. Seine Beerdigung wurde zu einem großen gesellschaftlichen Ereignis. Die Menschen ließen ihre Arbeit ruhen. Eine große Menge begleitete den reichen Zöllner auf seinem letzten Weg. Es war ein prächtiges Begräbnis, wie man es nur selten gesehen hatte.

Fast zur selben Zeit starb auch der arme Schriftgelehrte. Aber von seinem Tod nahm kaum jemand Notiz. Keine große Menschenmenge folgte seinem Sarg. Kein öffentliches Ansehen, keine prächtige Trauerfeier, keine großen Ehren. Still und beinahe unbeachtet wurde er begraben.

Da fragten sich die Menschen: Wie kann das sein? Wie kann ein Mensch, der sein Leben lang gerecht gelebt hat, so unbeachtet sterben, während ein Mann wie Bar Ma'jan mit allen Ehren zu Grabe getragen wird?

Die Erzählung antwortet darauf mit einem Traum. Ein Freund des verstorbenen Schriftgelehrten durfte sehen, was dem menschlichen Auge verborgen blieb. Er sah den armen Schriftgelehrten in einem wunderschönen Garten. Überall war Leben. Bäume spendeten Schatten, Blumen blühten, und durch den Garten flossen klare Bäche und Quellen. Der Schriftgelehrte ging dort in Frieden und Freude umher.

Dann sah der Träumende Bar Ma'jan. Auch er stand an einem Wasserlauf. Er hatte großen Durst. Das klare Wasser war ganz nahe. Er konnte es sehen - aber konnte es nicht erreichen.

Damit erklärte die alte Geschichte das Rätsel: Bar Ma'jans einzige gute Tat - dass er die Armen an seinen Tisch gerufen hatte - war ihm bereits durch das großartige Begräbnis vergolten worden. Der arme Schriftgelehrte dagegen hatte auf Erden kaum Anerkennung erfahren; nun aber durfte er in den paradiesischen Gärten leben.

Die Geschichte folgt damit dem damals verbreiteten Gedanken eines Ausgleichs nach dem Tod.