Jesus weiß, was in dem Menschen ist
Text: Johannesevangelium 2, 25 - Übersetzung: Hoffnung für alle
Ihm (= Jesus) brauchte niemand etwas über die Menschen zu sagen, denn er wusste, was in jedem Einzelnen ist.
Gottes Wort hilft uns Gott zu erfahren
Jesus war kein Hellwisser, sondern hat gelernt, sich tief in die einmalige Situation eines bestimmten Menschen einzufühlen und ihn zu verstehen. Das Wort 'e-splagchnísthe', das in der ursprünglich griechischen Fassung der Evangelien wiederholt vorkommt, bringt es auf den Punkt: Die einmalige Not, die einmaligen Ängste, die einmalige Traurigkeit, das einmalige Leid eines ganz bestimmten Menschen, dem Jesus begegnete, ließ ihn nicht kalt, ließ er sich unter die Haut gehen, ließ er in sein Herz hinein, ließ er in seine Eingeweide dringen.' Das heißt mit anderen Worten: Jesus hat die Fähigkeit erworben, sich tief berühren zu lassen von den einmaligen Bedrängnissen eines bestimmten Menschen, in die Schuhe eines bestimmten Menschen zu steigen und ein Stück in ihnen zu gehen, um zu spüren, wo diesen konkreten Menschen der Schuh drückt. Jesus konnte einfühlsam, achtsam, aufmerksam, gesammelt zuhören. Dafür schenkte er einem bestimmten Menschen die notwendige Zeit. Einfühlen und Verstehen ist ein langer Prozess und gelingt nicht in einer kurzen Begegnung, sondern braucht viele Stunden, Tage, Wochen, mitunter Monate.
Um sich einem Einzelnen widmen zu können, nahm ihn Jesus aus dem Familienverband, aus der z. B. in der Synagoge zum Gottesdienst Versammelten und aus der Dorfgemeinschaft heraus und entfernte sich mit ihm. Im Markusevangelium 7, 32-34 lesen wir: Dort wurde ein Mann zu ihm gebracht, der taub war und kaum reden konnte. Man bat Jesus, dem Mann die Hand aufzulegen und ihn zu heilen. Jesus führte den Kranken von der Menschenmenge weg. Er legte seine Finger in die Ohren des Mannes, berührte dessen Zunge mit Speichel, sah auf zum Himmel, seufzte und sagte: "Effata." Das heißt: "Öffne dich!" Und im Markusevangelium 8, 22-23 finden wir die Stelle: Jesus nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn aus dem Dorf hinaus. Dann strich er etwas Speichel auf seine Augen, legte ihm die Hände auf und fragte: "Kannst du etwas sehen?" Der Mann blickte auf. "Ja", sagte er, "ich sehe Menschen herumlaufen. Aber ich kann sie nicht klar erkennen. Es könnten genauso gut Bäume sein. Da legte Jesus ihm noch einmal die Hände auf die Augen. Jetzt sah der Mann deutlich. Er war geheilt und konnte alles genau erkennen."
Tiefes Einfühlen und Verstehen haben heilende Wirkung ebenso das liebevolle, zärtliche Berühren. Aber noch auf etwas ganz Wesentliches kommt es an, das in den beiden Evangelienstellen anklingt: 'Jesus sah zum Himmel auf' (Markus 7, 34) und 'Der Mann blickte auf' (Markus 8, 24). Der Blick zum Himmel und das Aufblicken meinen den Blick auf Gott, den Blick auf die heilende Liebe, Nähe und Kraft Gottes. Was Jesus selbst gelernt hatte, gab er mit Begeisterung und Überzeugungskraft an einzelne Menschen weiter.
Wenn du unter Ängsten leidest, dann blicke auf zu Gott, der dir sagt: Hab keine Angst! Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir. Vertraue auf mich, du bist von mir gehalten und getragen. Du wirst niemals tiefer fallen als in meine Hände. Unter dich habe ich meine ewigen Hände gebreitet.
Wenn du unter Sinnlosigkeit und Verzweiflung leidest, wenn du keine Perspektive mehr erkennen kannst in deinem Dasein, dann blicke auf zu Gott, der dir sagt: Dein Leben ist kein Zufall, keine Laune der Natur. Du bist mein genialer Gedanke. Ich habe dich gewollt und bejaht in Ewigkeit, bevor du geboren wurdest. Dein Leben hat Sinn, weil ich deinem Leben absoluten Sinn gebe.
Wenn du darunter leidest nichts wert zu sein, weil andere auf dir herumtrampeln, dann blicke auf zu Gott, der dir sagt: Du hast Ewigkeitswert. Deinen Wert kann dir niemand nehmen, weil ich dich mit unvergänglichem Wert und unverlierbarer Würde ausgestattet habe.
Wenn du gekrümmt und niedergedrückt bist, weil andere über dich herrschen und dich nicht frei lassen, dann blicke auf zu Gott, der dir sagt: Richte dich auf! Lass andere nicht mehr länger über dich bestimmen, du bist meine geliebte Tochter, mein geliebter Sohn - zur Selbstbestimmung, zur Selbstachtung von mir berufen.
Wenn du traurig bist und weinst, dann blicke auf zu Gott, der dir sagt: Weine nur, ich weine mit dir. Ich umarme dich, ich lege meine Hände auf dich, ich fühle mich tief ein in deine Traurigkeit, in deinen Kummer, in deine Not, ich verstehe, was in dir ist.
Wenn du leidest unter deiner Vergänglichkeit, dann blicke auf zu Gott, der dir sagt: Ich habe dich für die Ewigkeit geschaffen. Sterben ist Verwandlung, Hinübergehen in das neue Leben, in meine Herrlichkeit, die ich für dich geschaffen habe.