Groß und klein im Reich Gottes
Text: Markusevangelium 12, 38–44 - Einheitsübersetzung neu
38 Er lehrte sie und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt, 39 und sie wollen in der Synagoge die Ehrensitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. 40 Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet. 41 Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. 42 Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. 43 Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. 44 Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles hergegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.
Gottes Wort ist unseres Fußes Leuchte und Licht auf unserem Weg
Jesus ist mit seinen Schüler:innen auf dem Weg. Auf dem Weg sein ist Gegenteil von Stillstand und Tod. Weg ist Bewegung, Leben, Veränderung. Wahres Leben ist Lernen, Entwicklung, Wachstum, Reifung.
Jesus ist der Lehrer des Reiches Gottes. „Reich Gottes” ist das Wesen und Sein Gottes. „Reich Gottes” ist eine ganz andere Weise des Denkens, Redens und Handelns, vor allem eine ganz andere innere Haltung. Es ist die Art des Lebens, die dem Plan und Willen Gottes entspricht. Es ist Leben, das zu wahrer Erfüllung und Glückseligkeit führt.
Jesus lehrt seine Schüler:innen das Reich Gottes. Sie lernen es von ihm durch sein Reden und vor allem durch das, was er ihnen in seinem Wirken und Handeln zeigt und vorlebt. Nicht in akademischen, theoretischen, trockenen Abhandlungen spricht Jesus vom Reich Gottes, sondern er erzählt Geschichten, bringt bildhafte Vergleiche. Mit Beobachtungen, Anekdoten, Begebenheiten und Ereignissen des Alltags aus seiner Umgebung führt er seine Schüler hin zu dem, was „Reich Gottes” ist.
Einmal spricht er von Menschen, die um sich groß zu machen, aufzufallen und bewundert zu werden, in langen Gewändern umhergehen. Sie lassen sich gern verehren, umjubeln und anhimmeln. Am liebsten ist es ihnen, vergöttert zu werden. Sie brauchen die Bühne und das Mikrophon, stehen gerne vor der Kamera, setzen sich gern in Szene und können nie genug prahlen mit ihren Taten. Um ihre Bekanntheit zu erhöhen, stehen sie mit Vorliebe im Mittelpunkt und Rampenlicht. Sie stellen sich gern über die anderen. Und sie verstehen es meisterhaft, sich beliebt zu machen und mit betont gutbürgerlichem Gehabe zu Macht, Einfluss und Geld zu gelangen.
Jesus sagt seinen Schüler:innen, sie täten gut daran, sich vor Menschen in acht zu nehmen, die solche Merkmale an sich tragen. Dabei meint er diese Menschen nicht persönlich; denn ihnen ist von Gott die gleiche grenzenlose Zuwendung geschenkt. Vor der inneren Haltung auf der Hut zu sein, die sich hinter solchen äußeren Merkmalen verbirgt, darum geht es Jesus.
Es ist die innere Haltung, die unbändig nach dem strebt und verlangt, was in dieser Welt groß und bedeutungsvoll da steht: Ruhm, Glanz und Glorie, Auftreten, Schönheit und Prunk, Titel, Auszeichnungen und Orden, Ansehen, Rang und Namen, Geld, Reichtum und Macht.
Müht euch nicht ab um diese Werte, erklärt Jesus seinen Schüler:innen, das sind keine glücklich machenden Dinge. Sie bringen euch nicht nach "oben", sondern ziehen euch hinunter. Sie haben keinen Bestand. Im Reich Gottes sind sie klein und unbedeutend, null und nichtig. Seht doch, wie in dieser Welt Vergöttert und Verteufelt werden oftmals nahe beisammen liegen! Heute umjubelt, morgen vergessen oder verachtet!
Das sei dazu noch angemerkt: Es steht uns nicht zu, Menschen zu verurteilen und über sie den Stab zu brechen, die den Drang sich zur Schau zu stellen und anderen zu gefallen an sich haben. Bei genauerer Selbstreflexion entdecken wir vielleicht auch an uns selbst solche Wesenzüge. Vielmehr ist zu fragen, worunter Menschen leiden, die so übertrieben womöglich krankhaft zum Gefallen wollen um jeden Preis neigen. Ist nicht jede Sucht ein Ausdruck der Sehnsucht, ja ein Schrei nach Liebe?
Der zielführendste Weg zur Heilung von Gefallsucht ist das tiefe Vertrauen auf DEN, der uns mit unverlierbarer Würde und unvergänglichem Wert von Anfang an ausgestattet hat, dem wir nichts vormachen müssen, um von ihm anerkannt zu werden, der uns ohne Ansehen der Person annimmt mit ewiger Liebe, dem wir unbedingt gefallen, weil wir seine grenzenlos geliebten Kinder sind.
Einmal beobachtet Jesus die Menschen beim Opferkasten im Tempel von Jerusalem. Da fällt ihm eine Frau auf, eine armselige Witwe, die ihre letzten paar Cent hergibt. Witwen waren damals so gut wie lebendig tot. Sie waren abgeschrieben und vergessen. Von einem Tag auf den anderen wussten sie nicht, wie sie für sich und ihre Kinder das Lebensnotwendige aufbringen werden. Es gab in jener Zeit keine Mindestsicherung, keine Sozialgesetze und keine sozialen Unterstützungen und Einrichtungen. Am schlimmsten war es für eine Witwe, wenn sie auch noch kinderlos war.
Diese Frau ist unbekannt und unbeachtet, bedeutungslos und gering geschätzt in dieser Welt. Sie gehört zu den Kleinen im Land. Jesus aber stellt ihre innere Haltung groß heraus und seinen Schüler:innen als leuchtendes Vorbild vor Augen. Ihre Haltung ist die Haltung eines zutiefst warmen Herzens, das bereit ist, zu geben, sogar das letzte Hemd herzugeben. Diese Haltung zählt im Reich Gottes. Sie ist die Haltung Gottes, der sich seiner Schöpfung bedingungslos und unbegrenzt hingibt.