Heilung für alle
Der Cherokee-Theologe Randy Woodley stellt dem Schwerpunkt des westlichen Christentums auf die Erlösung durch Glaubenslehren das heilende Wirken Jesu gegenüber:
Menschen, die sich selbst an der Spitze einer Hierarchie sehen, müssen Wege finden, ihre Macht zu erhalten. Glaubenslehren können dabei ein äußerst nützliches Instrument sein. Wenn es gelingt, die breite Masse davon zu überzeugen, dass im Himmel eine Belohnung auf sie wartet, hat man ein Mittel gefunden, um die unruhigen Menschen etwas stiller und gefügiger zu halten. Und wenn man ihnen darüber hinaus einreden kann, dass sie durch und durch sündig sind - und dass sie sich als Sünder streng an bestimmte Regeln halten müssen, um überhaupt eine Chance auf Gottes Gnade zu haben -, dann hat man sein Ziel erreicht. Die eigene Macht kann sich immer weiter ausdehnen.
Eine dieser Glaubenslehren war die Überzeugung, dass alle Menschen bereits als Sünder geboren werden. Diese Vorstellung wird gewöhnlich als Lehre von der Erbsünde bezeichnet. Sie fügt sich gut in den Machtanspruch der vorherrschenden Kirche ein, die sich die Autorität zuschreibt, darüber zu entscheiden, wem das Heil gewährt und wem es vorenthalten wird.
Was die christliche Theologie als ›Sünde‹ bezeichnet, wird im Verständnis der indigenen Völker Nordamerikas häufig als Ungleichgewicht oder als gestörte Harmonie beschrieben. Diese unterschiedlichen Begriffe verweisen auf dieselbe geistliche Wirklichkeit. Erlösung bedeutet demnach, durch Heilung das verlorene Gleichgewicht und die gestörte Harmonie wiederherzustellen.
Indem die westliche Kirche die Vorstellung von Erlösung auf eine Reihe von Formeln, religiösen Übungen, Gebeten oder Glaubensbekenntnissen reduzierte, verfehlte sie den eigentlichen Sinn. Erlösung war niemals etwas, das man sich durch Geld, Macht oder die gehorsame Zustimmung zu den Formulierungen eines Glaubensbekenntnisses erkaufen konnte.
Bei der Erlösung geht es im Grunde nur um eines: um Heilung. Und zwar nicht um eine Heilung irgendwann später, in einer fernen jenseitigen Zukunft, sondern um Heilung hier und jetzt.
Auch heute noch lassen viele Menschen ihre Vorstellung von Erlösung durch kirchliche Glaubenslehren bestimmen, anstatt Erlösung als die Weise zu verstehen, in der Gott uns alle heilt - einschließlich der gesamten Gemeinschaft der Schöpfung.
Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen diese wichtige Einsicht begreifen: Heilung ist ein wesentlich treffenderer Begriff für das größte Geschenk Gottes als Erlösung.
Woodley beschreibt, wie Jesus nicht die individuelle Erlösung des Einzelnen, sondern die umfassende Heilung der Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt: Wenn wir Jesus aus der Perspektive indigener und hebräischer Vorstellungen betrachten, anstatt ihn durch die Denkmuster des amerikanischen und römischen Imperialismus zu sehen, erkennen wir, dass es in seinem Wirken grundlegend darum ging, die Ganzheit des Lebens wiederherzustellen, Menschen krperlich und seelisch zu heilen, Ausgestoßene wieder in die Gemeinschaft zurückzuführen, ungerechte gesellschaftliche Strukturen infrage zu stellen und zerbrochene Beziehungen zu heilen.
Heilung ist die umfassendere Wirklichkeit dessen, was die westliche Christenheit als ›Erlösung‹ bezeichnet. Und diese Heilung ist für uns alle bestimmt - schon jetzt.
Vielleicht ist das Wichtigste dabei, dass die Sprache der Heilung viel besser zum Ausdruck bringt, was dem Schöpfer am Herzen liegt: Schalom - jener umfassende Friede, jenes erfüllte Leben, in dem die gesamte Schöpfung in Harmonie miteinander existiert. Schalom und die indigenen Vorstellungen von Harmonie umfassen eine Gerechtigkeit und Ganzheit, die weit über das Heil einzelner Seelen hinausreichen. Sie schließen ganze Gemeinschaften, Kulturen und sogar das Land selbst mit ein.
Der Weg in die Zukunft muss deshalb darin bestehen, die Verfälschungen des Glaubens durch imperiales Machtdenken abzulegen, damit jener Jesus wieder sichtbar wird, der heilt, anstatt zu erobern, der wiederherstellt, anstatt auszulöschen, der Menschen stärkt, anstatt sie zu beherrschen. In diesem Verständnis wird Erlösung wieder zu dem, was sie von Anfang an sein sollte: Die Heilung aller Dinge.
Richard Rohr - Tägliche Meditationen