Judas seine Würde (zurück)geben

Text: Johannesevangelium 13, 16–30 - Übersetzung: Hoffnung für alle

16 Ich sage euch die Wahrheit: Ein Diener steht niemals höher als sein Herr, und ein Botschafter untersteht dem, der ihn gesandt hat. 17 Jetzt wisst ihr das und könnt euch glücklich schätzen, wenn ihr auch danach handelt. 18 Ich spreche nicht von euch allen; denn ich weiß, welche ich als meine Jünger ausgewählt habe. Aber was in der Heiligen Schrift vorausgesagt ist, muss sich erfüllen: 'Einer, der mit mir zusammen das Brot isst, tritt mich mit Füßen.' 19 Schon jetzt kündige ich es euch an, damit ihr auch dann, wenn es geschieht, daran glaubt: Ich bin der, den Gott gesandt hat. 20 Ich sage euch die Wahrheit: Wer einen Menschen aufnimmt, den ich gesandt habe, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, der nimmt den Vater auf, der mich gesandt hat.' 21 Nachdem Jesus dies gesagt hatte, bestätigte er tief erschüttert: 'Ja, es ist wahr: Einer von euch wird mich verraten!' 22 Die Jünger sahen sich fragend an und rätselten, wen er meinte. 23 Ganz nah bei Jesus hatte der Jünger seinen Platz, den Jesus sehr lieb hatte. 24 Simon Petrus gab ihm ein Zeichen; er sollte Jesus fragen, wen er gemeint hatte. 25 Da beugte der Jünger sich zu Jesus hinüber und fragte: 'Herr, wer von uns ist es?' 26 Jesus antwortete ihm: 'Es ist der, dem ich das Stück Brot geben werde, das ich jetzt in die Schüssel eintauche.' Darauf tauchte er das Brot ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot. 27 Sobald Judas das Brot genommen hatte, bekam Satan ihn ganz in seine Gewalt. 'Beeil dich und erledige bald, was du tun willst!', forderte Jesus ihn auf. 28 Keiner von den anderen am Tisch verstand, was Jesus mit diesen Worten meinte. 29 Manche dachten, Jesus hätte Judas hinausgeschickt, um alles Nötige für das Fest einzukaufen oder den Armen etwas zu geben. Denn Judas verwaltete das Geld von Jesus und seinen Jüngern. 30 Nachdem Judas das Brot genommen hatte, eilte er hinaus. Es war Nacht.

Gottes Wort ist uns Orientierung

'Er ist geldgierig', sagen sie ihm nach.
'Als Verwalter der Gemeinschaftskasse langt er ordentlich zu und begeht Gemeinschaftsdiebstahl', unterstellen sie ihm.
'Aus reiner Geldgier verrät er Jesus an seine Gegner', urteilen sie hart über ihn.
'Er ist ein Teufel', und 'für ihn wäre es besser, er wäre nie geboren', lassen sie Jesus über ihn sagen.

Die Rede ist von JUDAS Iskariot, einem Mann aus dem engsten Kreis Jesu. Vierzig bis siebzig Jahre nach seinem Lebensende zeichnen die Autoren der Evangelien das Bild von ihm als einem durch und durch schlechten Menschen. Sie machen ihn zu einer der dunkelsten Gestalten in der Bibel. Alle Bosheit und Schlechtigkeit wird auf ihn abgeladen. Judas wird abgrundtief verachtet, dämonisiert und in die Hölle verdammt. Warum? Dieser Frage will ich nachgehen.

Manche glauben, dass Judas Jesus tatsächlich aus Geldgier verraten habe.

Andere vermuten das Motiv des Verrats darin, Judas habe Jesus drängen wollen, endlich zu zeigen, was er draufhat, als Messias die Macht zu ergreifen, die Römer aus dem Land zu vertreiben und das neue Reich Israel zu errichten nach dem Muster des Reiches von König David.

Wieder andere vertreten den Standpunkt, Judas habe unter der Feindschaft und den heftigen Auseinandersetzungen zwischen der religiösen jüdischen Obrigkeit und Jesus sehr gelitten und habe die Konfliktparteien zu einigenden Kompromissen und zur Versöhnung veranlassen wollen.

Und wieder andere sehen in Judas ein Werkzeug in den Händen Gottes. Gott habe Judas Jesus verraten lassen, damit sein göttlicher Plan vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu in Erfüllung gehen könne.

Persönlich halte ich von diesen Deutungen nichts und die Geschichtlichkeit des Verrates des Judas für sehr fraglich. Die älteren neutestamentlichen Schriften, die Paulusbriefe, verlieren kein einziges Wort über Judas Iskariot, keine Silbe über seinen Verrat. 'In der Nacht, als Jesus übergeben wurde', heisst es im Korintherbrief 11, 23. Das bedeutet: In der Nacht, als Jesus (von Gott) übergeben wurde und aus reiner Liebe und mit äußerster Konsequenz sein Leben hingab.

Eine Generation später, als die ersten Evangelien entstanden, ist aus theologischer Anspielung ein historisches Ereignis geworden. 'Übergeben' wurde mit 'verraten' übersetzt, und Judas, der einzige Nicht-Galiläer im engsten Jüngerkreis Jesu, wurde so zum Verräter. Zur Zeit, als zwischen 70 und 100 n. Chr. die Evangelien verfasst wurden, hat sich die Ansicht durchgesetzt, nicht die Römer, sondern ausschließlich die Juden seien für Jesu Leiden und Sterben verantwortlich. Und Judas sei wegen seines hebräischen Namens 'Jehuda' gerade recht gewesen, ihm alles, was mit dem Todesurteil und der Hinrichtung Jesu zu tun hat, anzuhängen. Es geht bei der Verratsgeschichte um urkirchlichen Antijudaimus. Es gibt ihn bis heute.

'Richtet nicht! Verurteilt keinen!', sagt Jesus. Denn Gott richtet nicht und verurteilt keinen! Das habe ich in meinen Erdentagen gezeigt. Die verurteilenden Worte über Judas stammen nicht von mir. Sie wurden mir von Menschen in den Mund gelegt, die meine Worte 'Richtet nicht! Verurteilt keinen!' noch nicht gelernt haben.

Mit dem Finger auf Judas oder auf andere zeigen, ihm/ihnen alle Schlechtigkeit, alles Schlimme, Böse und Verabscheuungswürdige zuschreiben und auf ihn/andere Steine werfen - steht uns nicht zu. Keiner hat Grund sich über andere zu erheben.

Gott hat dem Judas vom Anbeginn seines Lebens unverlierbare Würde gegeben. Gebt Judas seine Würde (zurück)!, so wie ich im Auftrag meines Abba-Gottes ihm und allen Geschöpfen ihre Würde gebe.