Kommentar zu Matthäus 12, 22–23
Text: Matthäusevangelium 12, 22-23 - Übersetzung: Elberfelder Bibel
22 Dann wurde ein Besessener zu ihm gebracht, blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah. 23 Und es erstaunten die ganzen Volksmengen und sagten: Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?
Kommentar
Ein Mensch wird zu Jesus gebracht. Er ist besessen, blind und stumm. Drei schwere Beeinträchtigungen bestimmen sein Leben. Er kann nicht sehen, nicht sprechen und ist einer Macht ausgeliefert, die ihn gefangen hält. Er kann seine Not nicht selbst zur Sprache bringen. Andere Menschen übernehmen diese Aufgabe und führen ihn zu Jesus. Schon darin liegt ein erster bedeutsamer Gedanke: Wo ein Mensch aus eigener Kraft keinen Ausweg findet, können andere ihm den Weg zu neuer Hoffnung eröffnen.
Die damalige Vorstellung von Besessenheit unterscheidet sich von unserem heutigen Verständnis menschlicher Erkrankungen. Was Menschen nicht erklären konnten, schrieben sie häufig dem Wirken böser Geister zu. Körperliche Beschwerden, seelische Leiden und auffälliges Verhalten wurden nicht klar voneinander unterschieden. Die Evangelien greifen diese Vorstellungswelt auf. Entscheidend ist jedoch nicht die damalige Erklärung der Krankheit, sondern das, was Jesus mit dem leidenden Menschen tut.
Matthäus berichtet die Heilung mit erstaunlicher KÜrze: "Und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah." Keine ausführliche Beschreibung, keine besonderen Handlungen, keine Beschwörungsformeln. Jesus heilt. Was den Menschen bisher eingeschränkt hat, verliert seine Macht über ihn. Er kann wieder sehen und sprechen. Seine Verbindung zur Welt und zu seinen Mitmenschen wird wiederhergestellt.
Doch die Heilung lässt sich auch auf einer tieferen Ebene verstehen. Blindheit und Stummheit sind nicht nur körperliche Zustände. Sie können auch Bilder für das sein, was im Innersten eines Menschen geschieht. Ein Mensch kann mit gesunden Augen blind sein für die Not anderer. Er kann mit einer kräftigen Stimme unfähig sein, ein liebevolles Wort auszusprechen. Er kann hören und dennoch verschlossen bleiben für das, was ein anderer ihm sagen möchte. Äußerlich gesund, kann er innerlich schwer beeinträchtigt sein.
Es gibt eine Blindheit des Herzens. Sie zeigt sich dort, wo Vorurteile den Blick verstellen, wo Menschen nur noch ihre eigenen Interessen wahrnehmen und die Würde anderer übersehen. Wer Menschen in Schubladen steckt, hört auf, sie kennenzulernen. Die Augen sehen zwar, aber das Herz erkennt den Menschen nicht. Jesus verändert diesen Blick. Er öffnet die Augen für den Menschen hinter seinen Schwächen, für seine Sehnsucht nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe.
Ebenso gibt es eine Stummheit des Herzens. Menschen können unfähig sein, ihre Gefühle auszudrücken, um Verzeihung zu bitten oder anderen ihre Zuneigung zu zeigen. Angst, Enttäuschung, Schuldgefühle und erlittene Verletzungen können einen Menschen innerlich verstummen lassen. Jesus überwindet solche Verschlossenheit. Seine Güte schenkt Vertrauen. Wer sich angenommen und geliebt weiß, findet leichter Worte für das, was ihn bewegt.
Auch Besessenheit lässt sich als Bild menschlicher Unfreiheit verstehen. Menschen können von Angst, Neid, Geltungsbedürfnis, Hass oder Verbitterung so beherrscht werden, dass sie nicht frei entscheiden und handeln können. Solche inneren Mächte können Beziehungen zerstören und die Lebensfreude ersticken. Jesus begegnet dem Menschen nicht mit Verurteilung, sondern mit heilender Zuwendung. Er schaut nicht auf das, was einen Menschen gefangen hält, sondern er sieht den Menschen selbst, der nach Befreiung verlangt.
Damit wird sichtbar, worum es Jesus im Innersten geht: Er lindert nicht nur körperliche Leiden lindern, sondern heilt den ganzen Menschen. Seine Zuwendung erreicht jene verborgenen Bereiche, in denen Menschen verletzt, verängstigt, verschlossen oder innerlich erstarrt sind. Heilung bedeutet, offen zu werden für das Leben, für die Mitmenschen und für Menschlichkeit.
Die Volksmenge reagiert mit Staunen. Die Menschen fragen: "Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?" Der Titel "Sohn Davids" bezeichnet den erwarteten Messias, den von Gott gesandten Retter Israels. Mit ihm verband sich die Hoffnung auf eine neue, von Gottes Gerechtigkeit und Frieden geprägte Zeit. Die vorsichtige Frage der Menschen zeigt, dass sie in Jesu Handeln mehr erkennen als eine außergewöhnliche Heilung.
Jesus offenbart, wie Gottes rettende Gegenwart aussieht. Nicht durch Machtausübung, Einschüchterung oder Gewalt, sondern durch Güte, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit. Wo ein Mensch wieder aufatmen, vertrauen, sehen und sprechen kann, wird Gottes Liebe erfahrbar. Das Reich Gottes beginnt, wenn Menschen aus ihrer inneren Gefangenschaft befreit werden und neues Leben finden.
Jesus öffnet nicht nur blinde Augen und löst nicht nur stumme Zungen. Er heilt das Herz, damit der Mensch mit den Augen der Liebe sehen und aus der Fülle der Liebe sprechen kann.