Kommentar zu Matthäus 12, 24–37
Text: Matthäusevangelium 12, 24-37 - Übersetzung: Elberfelder Bibel
22 Dann wurde ein Besessener zu ihm gebracht, blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah. 23 Und es erstaunten die ganzen Volksmengen und sagten: Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids? 24 Die Pharisäer aber sagten, als sie es hörten: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch den Beelzebul, den Obersten der Dämonen. 25 Da er aber ihre Gedanken wusste, sprach er zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst entzweit ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, die mit sich selbst entzweit sind, werden nicht bestehen. 26 Und wenn der Satan den Satan austreibt, so ist er mit sich selbst entzweit. Wie wird denn sein Reich bestehen? 27 Und wenn ich durch Beelzebul die Dämonen austreibe, durch wen treiben eure Söhne (= Schüler)sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. 28 Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen. 29 Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht vorher den Starken bindet? Und dann wird er sein Haus berauben. 30 Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut. 31 Deshalb sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden; aber die Lästerung des Geistes wird nicht vergeben werden. 32 Und wenn jemand ein Wort reden wird gegen den Sohn des Menschen, dem wird vergeben werden; wenn aber jemand gegen den Heiligen Geist reden wird, dem wird nicht vergeben werden, weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen. 33 Entweder macht den Baum gut, dann ist seine Frucht gut, oder macht den Baum faul, dann ist seine Frucht faul; denn an der Frucht wird der Baum erkannt. 34 Otternbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund. 35 Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz Gutes hervor, und der böse Mensch bringt aus dem bösen Schatz Böses hervor. 36 Ich sage euch aber, dass die Menschen von jedem unnützen Wort, das sie reden werden, Rechenschaft geben müssen am Tag des Gerichts; 37 denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.
Kommentar
Am Anfang steht eine Heilung. Jesus begegnet einem Menschen, der blind und stumm ist und dessen Leben von einer zerstörerischen Macht beherrscht wird. Er befreit ihn aus seiner Not. Der Mann kann wieder sehen und sprechen. Die Menschen staunen und fragen, ob Jesus der verheißene Sohn Davids sei. Doch die Pharisäer reagieren anders. Sie bestreiten die Heilung nicht, sondern behaupten, Jesus handle mit der Macht Beelzebuls, des Obersten der Dämonen. Damit beginnt eine Auseinandersetzung, in der es um weit mehr geht als um die Herkunft einer außergewöhnlichen Heilung: Es geht um die Fähigkeit des Menschen, das Gute als gut zu erkennen.
Jesus antwortet mit einer einfachen Überlegung: Ein Reich, das gegen sich selbst kämpft, zerstört seine eigene Grundlage. Wenn Satan seine eigenen Mächte vertreibt, arbeitet er an seinem Untergang. Der Vorwurf seiner Gegner ist widersprüchlich. Jesus stellt ihnen außerdem die Frage, mit welcher Macht ihre eigenen Anhänger Dämonen austreiben. Warum soll bei ihnen Gottes Wirken sichtbar werden, während dieselbe befreiende Tat bei Jesus als teuflisch gilt? Er deckt damit ihre Voreingenommenheit auf.
Dann spricht Jesus den entscheidenden Satz: "Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen." Gottes Reich ist keine ferne Zukunft, auf die Menschen lediglich warten müssen. Es beginnt dort, wo Menschen aus ihrer Unfreiheit befreit werden, wo Leid überwunden wird und neues Leben möglich wird. In Jesu heilendem Handeln wird Gottes Gegenwart erfahrbar. Das Reich Gottes ist die wirksame Gegenwart seiner befreienden Liebe.
Das Bild vom starken Mann verdeutlicht diesen Gedanken. Wer einen Gefangenen aus der Gewalt eines Mächtigen befreien will, muss dessen Herrschaft überwinden. Jesus beschreibt damit sein entschiedenes Eintreten gegen alles, was Menschen gefangen hält und ihr Leben zerstört. Er wendet sich nicht gegen die Menschen, sondern gegen die "Mächte", unter denen sie leiden. Seine Stärke besteht darin, dass er aufrichtet, heilt und befreit. Seine Stärke besteht darin, dass er aufrichtet, heilt und befreit.
Anschließend erklärt Jesus: "Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut." Diese Worte dürfen nicht als Aufforderung verstanden werden, Menschen in Gläubige und Ungläubige einzuteilen. Im Zusammenhang mit der Heilung geht es um die Entscheidung zwischen befreiendem und zerstörerischem Handeln. Wer sich dem Guten widersetzt, stellt sich gegen das Leben. Wer Menschen hilft, ihre Würde wiederzufinden, wirkt an jener Sammlung mit, die Jesus begonnen hat.
Besonders erschreckend erscheinen die Worte über die Lästerung des Heiligen Geistes, die nicht vergeben werden kann. Ihr Sinn erschließt sich aus dem Verhalten der Gegner Jesu. Sie erleben eine Befreiung und erklären sie zum Werk des Bösen. Damit verschließen sie sich jener göttlichen Wirklichkeit, die ihnen gerade begegnet. Die Lästerung des Geistes bezeichnet eine Haltung, die das Gute bewusst zurückweist und die Wahrheit in ihr Gegenteil verkehrt.
Die Aussage von der Unvergebbarkeit steht in einer Spannung zur grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes. Sie muss deshalb sorgfältig verstanden werden. Nicht Gottes Liebe findet hier ihre Grenze, sondern die Bereitschaft des Menschen, sie anzunehmen. Wer sich der heilenden Liebe grundsätzlich verschließt, verhindert, dass ihre befreiende Kraft in seinem Leben wirksam wird. Die drastische Formulierung unterstreicht den Ernst dieser Selbstverschließung. Sie bedeutet nicht, dass Gott einen Menschen endgültig aufgibt.
Mit dem Bild vom Baum und seinen Früchten lenkt Jesus den Blick auf das menschliche Verhalten. Ein guter Baum bringt gute Früchte hervor. Ebenso zeigt sich die innere Haltung eines Menschen in seinen Taten und Worten. Religiöse Überzeugungen beweisen ihren Wert nicht durch ihre äußere Form, sondern durch ihre Auswirkungen auf das Leben. Wo Güte, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit wachsen, wird Gottes Geist sichtbar und erfahrbar.
"Aus der Fülle des Herzens redet der Mund." Unsere Worte offenbaren, was uns innerlich bewegt. Sie können Menschen ermutigen, trösten und aufrichten. Sie können aber auch verletzen, verleumden und zerstören. Jesus nimmt die Sprache ernst, weil Worte Beziehungen gestalten und das Zusammenleben prägen. Wer einen anderen Menschen durch seine Worte herabsetzt, greift dessen Würde an.
Schließlich spricht Jesus vom Gericht, bei dem Menschen für ihre Worte Rechenschaft geben müssen. Matthäus verwendet hier die ernste Gerichtssprache seiner religiösen Überlieferung. Im Licht der Liebe Gottes bedeutet Rechenschaft nicht, dass Gott nach Gründen sucht, Menschen zu verdammen. Gottes Gericht bringt ans Licht und macht offenbar, was unsere Worte bewirkt haben. Es konfrontiert uns mit der Wahrheit unseres Lebens, damit wir erkennen, was heilend und was zerstörerisch war. Gottes Ziel ist nicht Vernichtung, sondern Heilung und Vollendung.