Lass das Kind in dir leben
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Lass das Kind in dir leben

Text: Matthäusevangelium 19, 13–15 - Elberfelder Bibel

13 Dann wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er ihnen die Hände auflegte und betete. Die Jünger aber fuhren sie an. 14 Jesus aber sprach: Lasst die Kinder, und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen! Denn solchen gehört das Reich der Himmel. 15 Und er legte ihnen die Hände auf und ging von dort weg.

Gottes Wort ist Licht auf unserem Lebensweg

"Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich."

Es ist eine bescheidene Szene. Eltern bringen ihre Kinder zu Jesus, in der Hoffnung, dass er ihnen die Hände auflegt und für sie betet. Doch die Jüngerinnen und Jünger wollen die Kleinen wegschicken. Vielleicht denken sie, Jesus habe Wichtigeres zu tun. Es geht um ernste Fragen, um Religion, um das richtige Leben - da passen Kinder scheinbar nicht ins Bild. Doch Jesus sieht das ganz anders. Er sagt nicht: Bringt mir die Kinder später, wenn ich Zeit habe. Nein, er bittet: Lasst sie zu mir kommen. Gerade die Kinder. Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.

Damit verkündet Jesus etwas Unerwartetes: Schaut euch diese Kinder an! Von ihnen könnt ihr etwas über das Leben lernen, sogar über Gott.

Was könnte das bedeuten? Vielleicht zunächst dies: Kinder können sich beschenken lassen. Wir Erwachsenen haben gelernt, alles im Griff zu behalten. Wir planen, organisieren, sorgen vor und streben nach Unabhängigkeit. Wir wollen leisten, erreichen, besitzen. Darin liegt viel Gutes. Doch irgendwann vergessen wir leicht, dass das Wichtigste in unserem Leben sich nicht erzwingen lässt. Wir haben uns das Leben nicht selbst geschenkt. Liebe lässt sich nicht kaufen. Freundschaft lässt sich nicht erzwingen. Vertrauen kann man nicht herstellen. Geborgenheit lässt sich nicht besitzen. Das Wertvollste im Leben wird uns geschenkt.

Vielleicht meint Jesus das, wenn er sagt: Menschen wie den Kindern gehört das Himmelreich. Das Reich Gottes ist kein Verdienst, es ist ein Geschenk, das man empfangen darf.

Und vielleicht steckt noch mehr darin. In jedem von uns lebt das Kind weiter, das wir einst waren. Dieses Kind konnte staunen, sich an Kleinigkeiten freuen, träumen und spielen. Es weinte, wenn es traurig war, lachte vor Glück und suchte eine Hand, wenn es Angst hatte.

Dann wurden wir erwachsen. Wir lernten, uns zusammenzureißen, Erwartungen zu erfüllen, Gefühle zu verbergen und Rollen zu spielen. Manchmal spielen wir diese Rollen so gut, dass wir kaum noch wissen, wer wir selbst wirklich sind.

Vielleicht sagt Jesus deshalb heute auch zu uns: Lass das Kind in dir zu mir kommen. Du musst keine Rolle spielen. Komm mit deiner Freude. Komm mit deinen Tränen. Komm mit deiner Angst. Komm mit deinen Fragen. Komm mit deinen Zweifeln. Komm mit deinen unerfüllten Träumen. Denn Jesus ist die Menschwerdung der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Vor ihm müssen wir nicht stärker, sicherer oder vollkommener erscheinen, als wir sind.

Und Kinder lehren uns noch etwas: Sie sind niemals fertig. Sie sind immer im Werden. Sie fragen, entdecken, probieren aus, fallen hin und stehen wieder auf. Jeden Tag lernen sie etwas Neues.

Vielleicht beschreibt das unser Leben vor Gott am besten: Wir sind Werdende. Auch mit fünfzig, siebzig oder neunzig Jahren sind wir mit unserem Menschsein nicht fertig. Wir lernen immer weiter. Wir lernen Vertrauen. Wir lernen Vergeben. Wir lernen Frieden. Wir lernen Gewaltfreiheit. Wir lernen, barmherzig mit anderen umzugehen. Wir lernen, uns selbst anzunehmen. Wir lernen Lieben. Und Gott schenkt uns die Zeit dafür.

Darum können wir mit uns selbst und miteinander geduldiger sein. Niemand von uns ist fertig. Niemand hat ausgelernt. Wir sind alle Lernende des Lebens.

Darin ist ein Geheimnis des Älterwerdens verborgen. Vieles, was einst so wichtig erschien, verliert langsam an Bedeutung. Leistung, Erfolg, Besitz, Anerkennung - manches tritt zurück. Und auf einmal nehmen die kleinen Dinge wieder Raum ein: ein Gespräch, eine Berührung, ein Sonnenstrahl, ein Vogel am Fenster, die Hand eines geliebten Menschen, das Lachen eines Kindes. Der Kreis schließt sich. Am Ende unseres Lebens kehren wir vielleicht ein wenig zu Kindern zurück: angewiesen auf andere, verletzlich, dankbar für Nähe - und eingeladen, wieder vertrauen zu lernen.

"Lasst die Kinder zu mir kommen." Jesus meint damit auch dich und mich. Du musst vor Gott nicht groß sein. Du musst nicht vollkommen sein. Du musst nicht mit allem fertig sein. Du darfst ein Kind bleiben: staunend, fragend, lernend, hoffend, liebend und vertrauend.