Persönliche Christuserfahrungen

Text: Johannesevangelium 7, 31–36 - Übersetzung: Hoffnung für alle

31 Viele seiner Zuhörer im Tempel aber begannen, an Jesus zu glauben, und sagten: 'Der Christus kann wohl kaum mehr Wunder vollbringen als dieser Mann hier!' 32 Als die Pharisäer hörten, dass die Leute so über Jesus redeten, beschlossen sie zusammen mit den führenden Priestern, Jesus verhaften zu lassen. Dazu schickten sie einige Männer der Tempelwache los. 33 Währenddessen sagte Jesus zu der Volksmenge: 'Ich bleibe nur noch kurze Zeit bei euch. Danach kehre ich zu dem zurück, der mich gesandt hat. 34 Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden. Wo ich dann sein werde, könnt ihr nicht hinkommen.' 35 'Wo will er denn hin?', fragten sich die führenden Juden verwirrt. 'Will er etwa außer Landes gehen und den anderen Völkern seine Lehre bringen? 36 Was meint er, wenn er sagt: 'Ihr werdet mich suchen und nicht finden' und: 'Wo ich dann sein werde, könnt ihr nicht hinkommen?'

Gottes Wort ist uns Orientierung

Das ist mein Glaube: Christus brauche ich nicht zu suchen; denn er ist jederzeit in allen und in allem.

Christus ist nicht der Nachname Jesu, sondern ist der ewige ICH BIN, der Ursprung, die Mitte und das Ziel der ganzen Schöpfung. In Jesus von Nazareth ist Christus Mensch geworden wie wir.

Hier möchte ich von persönlichen Christuserfahrungen erzählen.

Der Himmel war wolkenlos. Eine halbe Stunde, bevor die Sonne hinter den Bergen verschwand, stand ich auf der Terrasse. Vor mir das saftige Grün des Gartenrasens, vom Rasen umgeben der Teich mit blühenden Teichrosen, dahinter die Hainbuchenhecke an der Grundgrenze, weiter im Hintergrund ein mit Laub- und Nadelbäumen dicht bewaldeter Berg und darüber das strahlende Blau des Abendhimmels. Die gesamte Natur vor mir war in die goldene Sonne vor ihrem Untergang eingetaucht. Ich geriet in Ergriffenheit angesichts dieser mystischen Schönheit. Nach einer Weile des ergriffenen Staunens fühlte ich Einssein mit allem, was vor mir war. Es war mir, ich bin mitten drinnen. Unbeschreibliche Freude und Glückseligkeit erfasste mich. In dieser Herrlichkeit habe ich den ewigen Christus erfahren.

In einer kleinen Stadt war ich unterwegs mit dem Auto und fuhr auf einen Schutzweg zu entlang einer Querstraße. Von Weitem sah ich ein kleines Mädchen - vielleicht im Alter einer Schulanfängerin - den Zebrastreifen überqueren. Mindestens fünf Meter vor dem Übergang hielt ich an. Als das Kind auf der Höhe meines Autos war, blickte es mit unbeschreiblicher kindlicher Herzlichkeit zu mir und fast versteckt winkte es mir. Auf dem Gehsteig angekommen drehte sich das kleine Mädchen nocheinmal ein wenig zu mir und aus der Hüfte heraus winkte es mir mit dankbarem Blick zu. Das Gesicht dieses Kindes bleibt mir unvergesslich. Von tiefer Rührung wurde ich erfasst. In seinem Gesicht, das heilig Schönes ausstrahlte, sah ich das Antlitz des ewigen Christus.

Seit einigen Jahren wohne ich in einem Mehrparteienhaus. Eines Nachts wurde ich geweckt von entsetzlichem Schreien. Aus welcher Wohnung es kam, konnte ich nicht orten. Im Stiegenhaus entstand Lärm. Die Nachbarin erzählte mir, dass ein Drogenabhängiger mit seiner Freundin im Haus wohnt. Manchmal nach einem Drogenrausch, wenn sich der Entzug einstellt, brülle er wie ein Wahnsinniger und drohe mit den Worten 'Ich bringe euch alle um.' Jemand habe die Polizei schon verständigt, er werde abgeholt. Das Pärchen kannte ich bis dahin nur vom flüchtigen Sehen und Grüßen. Bald darauf traf ich die junge Frau. Es entwickelte sich ein kurzes Gespräch. Dabei sagte sie mir, dass sie sich jedesmal so schäme, wenn ihr Freund in der Nacht oder während des Tages tobt. Er sei aber ein ganz lieber junger Mann, wenn er nicht unter Drogeneinfluß stehe. Deshalb wolle sie ihn nicht verlassen. 'Ich mag ihn einfach', sagte sie mir. Lange dauerte es nicht, da startete jemand im Haus eine Unterschriftenaktion mit dem Begehren an die Wohnungsgenossenschaft, den beiden die Wohnung zu kündigen. Später erfuhr ich, dass ich der einzige war, der sich dieser Aktion nicht anschloss. Wenn ich die beiden traf, grüßten wir uns herzlich, und oft entstand ein kurzer Plausch. Sie erzählten mir, dass niemand von den Hausbewohnern außer mir sie grüße, und dass ihnen nur böse, verächtliche, teils hasserfüllte Blicke zugeworfen würden. Bald war es so weit. Die Zwei mussten unser Haus verlassen. Nochmals berührend war für mich der Abschied von ihnen. Ich sagte ihnen, dass ich sie liebevoll in meinem Herzen behalten werde. Sie dankten mir, dass ich zu ihnen stand und ihnen mit Wertschätzung begegnete. In den beiden jungen Leuten begegnete ich Christus. Im Leiden des Drogenabhängigen sah ich Christus, der in ihm ist und sich tief einfühlt in sein Leiden. Die Worte Dietrich Bonhoeffers boten mir Orientierung: 'Wir müssen lernen, den Menschen weniger auf das, was er tut oder lässt, als auf das, was er leidet, anzusehen.'