Texterläuterung zu Matthäus 13, 47-48

Text: Matthäusevangelium 13, 47-48 - Übersetzung: Das Jesus-Evangelium

Womit soll ich die Gottesherrschaft vergleichen? Fischer ließen ein Schleppnetz hinab in den See. Es brachte Fische jeder Art zusammen. Als es gefüllt war, zogen sie es ans Ufer und setzten sich hin, um die Fische zu sortieren. Die Reinen unter ihnen warfen sie in Körbe, die Unreinen warfen sie zurück in den See.

Texterläuterung

"Mit dem Himmelreich verhält es sich wie mit einem großen Netz, das ins Meer geworfen wird und Fische aller Art fängt. Wenn es voll ist, ziehen die Fischer es ans Ufer; dort setzen sie sich, sammeln die guten Fische in Körbe und werfen die schlechten fort."

Auf den ersten Blick wirkt dieses Gleichnis Jesu ganz schlicht. Fischer werfen ein riesiges Netz aus, das wahllos alles einfängt, was sich ihm bietet. Erst am Ufer wird der Fang betrachtet und sortiert. Doch gerade in dieser alltäglichen Szene entfaltet sich eine tiefgründige Botschaft über das Reich Gottes.

Jesus spricht von einem Zugnetz, das keine Auswahl trifft, bevor es fängt. Es fragt nicht: Wer ist erwünscht, wer nicht? Was ist brauchbar, was unbrauchbar? Es nimmt einfach alles auf, was ihm begegnet. Matthäus unterstreicht ausdrücklich, dass es ›von jeder Art‹ fängt.

Für seine jüdischen Zuhörer erhielt diese Formulierung eine besondere Bedeutung. Sie kannten die alten Vorschriften, die reine und unreine Wassertiere unterschieden. Nach Levitikus 11,9-12 und Deuteronomium 14,9-10 durften nur Wassertiere mit Flossen und Schuppen gegessen werden. Tiere ohne diese Merkmale galten als unrein und waren tabu.

Wenn also das Netz durchs Wasser gezogen wurde, konnte darin vieles landen: erlaubte Speisefische ebenso wie Meeresbewohner, die die Speisegesetze verletzten - zum Beispiel verschiedene Krebstiere oder andere ohne Flossen und Schuppen. Doch das Netz selbst macht keine Unterscheidung. Es nimmt zunächst alles auf. Gerade darin liegt das kraftvolle Bild des Himmelreichs: Gottes Netz ist unendlich weit gespannt. Gottes Zuwendung setzt nicht mit Aussortieren an. Sie erreicht die Verschiedenen, die Fremden, die Ungewohnten - Menschen, die unsere Kategorien von ›rein‹ und ›unrein‹, ›richtig‹ und ›falsch‹, ›dazugehörig‹ und ›nicht dazugehörig‹ längst eingeteilt hätten.

Gott sammelt alle ein - ohne Ausgrenzung. Dieses Bild erinnert an andere Gleichnisse Jesu. Der Sämann streut seinen Samen großzügig auf verschiedene Böden. Der Bauer lässt Weizen und ›Unkraut‹ gemeinsam wachsen. Und im Senfbaum finden sogar die Vögel ihren Platz. Immer wieder begegnet uns diese Weite: Gottes Reich beginnt nicht mit Ausschluss, sondern mit Großherzigkeit.

Die Botschaft des Evangeliums lautet nicht: Achte darauf, ob du gut genug bist, um ins Netz Gottes zu gelangen. Sie sagt vielmehr: Das Netz Gottes reicht auch bis zu dir. Und ebenso wichtig: Es umfasst den Menschen, den ich vielleicht fernhalten möchte.

Wer aber ist ›gut‹ und wer ›schlecht‹? Die bersetzung von ›guten‹ und ›schlechten‹ Fischen birgt die Gefahr eines moralischen Missverständnisses. Schnell hören wir: gute Menschen und böse Menschen. Doch das griechische Wort für ›schlechte‹ Fische kann auch ›unbrauchbar‹, ›untauglich‹ oder ›verdorben‹ bedeuten. Im ursprünglichen Bild geht es um Fischer, die ihren Fang danach beurteilen, was verwertbar ist und was nicht.

Vor dem Hintergrund der jüdischen Speisevorschriften kommt eine weitere Unterscheidung hinzu: das, was als rein und essbar galt, und das, was als unrein und ungenießbar war. Darum sollten wir vorsichtig sein, daraus zwei Menschengruppen zu machen: hier die Guten, dort die Bösen; hier die Geretteten, dort die Verlorenen. Jesus erzählt dieses Gleichnis nicht, damit wir Menschen sortieren.

Besonders schön ist ein kleines Detail: Nachdem die Fischer das Netz ans Ufer gezogen haben, ›setzen sie sich‹. Keine Hektik, kein wütendes Aussortieren, kein voreiliges Urteil. Sie setzen sich und schauen genau hin. Hier steckt eine wichtige Weisheit des Evangeliums: Wir Menschen urteilen meist zu schnell. Ein Fehler reicht, und wir meinen zu wissen, wer jemand ist. Eine andere Lebensweise, eine andere Religion, eine andere Weltanschauung - und schon beginnen wir, Menschen einzuteilen. Doch wir erfassen nur einen Ausschnitt eines Menschen. Gott sieht das ganze Bild. Er kennt Verwundungen und Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen, Erfolge und Fehltritte. Er sieht auch das, was in einem Menschen noch wachsen und heil werden kann.

Wir sind nicht die Sortierer. Vielleicht ist das eine der zentralen Botschaften dieses Gleichnisses: Wir haben nicht den Auftrag, Menschen als ›rein‹ oder ›unrein‹, ›gut‹ oder ›böse‹, ›gläubig‹ oder ›ungläubig‹, ›würdig‹ oder ›unwürdig‹ zu kennzeichnen.

Das Netz Gottes ist unendlich weit gespannt. Christliche Gemeinden müssten deshalb dieses Netz sichtbar machen: einen Raum, in den unterschiedliche Menschen passen - Glaubende und Zweifelnde, Hoffende und Suchende, Starke und Verwundbare, Menschen mit erfüllten wie auch mit zerbrochenen Lebensgeschichten.

Was also soll dann ausgesondert werden? Wir können das Bild noch tiefer auf unser eigenes Leben beziehen. Denn niemand von uns ist einfach nur ›gut‹ oder ›schlecht‹. In jedem Menschen gibt es das Fördende und das Lebensfeindliche.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht: Welche Menschen gehören fort? Sondern: Was in unserem Leben soll bleiben, und was darf gehen? Unsere Liebe darf bleiben und wachsen. Unsere Barmherzigkeit, unsere Friedensfähigkeit, unsere Güte, unser Vertrauen sollen bleiben.

Doch unsere Lieblosigkeit darf vergehen, unsere Gewalt, unser Hass, die Menschenverachtung und die Angst - sie dürfen vergehen. Der Mensch aber darf heil werden. So lässt sich Gottes Gericht verstehen: nicht als endgültiges Wegwerfen, sondern als Klärung und Heilung. Gott trennt uns von dem, was das Leben zerstört, damit sichtbar wird, wozu wir geschaffen sind.

Ein alter christlicher Grundsatz sagt: "Verurteile die Sünde, liebe den Sünder!" Vielleicht öffnet uns dieser Gedanke die Tür, das Gleichnis vom Netz noch einmal anders zu hören.

Jesus lädt uns nicht ein, Menschen in Gute und Böse einzuteilen. Kein Mensch ist einfach nur ›gut‹, kein Mensch nur ›schlecht‹. In jedem von uns wohnen Liebe und Lieblosigkeit, Großzügigkeit und Egoismus, Vertrauen und Angst, Gelungenes und Misslungenes. Darum müssen wir zwischen dem Menschen und seinem Tun unterscheiden.

Wo jemand verletzt, wo Gewalt geschieht, wo Menschen gedemütigt, ausgebeutet oder ihrer Würde beraubt werden, dürfen wir das nicht beschönigen. Das Lebensfeindliche muss klar benannt werden. Doch daraus folgt nicht, dass der Mensch selbst verworfen werden darf.

Verurteile die Sünde - aber liebe den Sünder. Gottes Gericht ist diese radikale Unterscheidung. Gott sagt nicht: ›Du bist schlecht, deshalb werfe ich dich weg.‹ Er sagt vielmehr: ›Das, was in dir und durch dich Leben zerstört, soll nicht das letzte Wort über dich haben.‹

Gott trennt den Menschen von dem, was ihn entstellt. Der Hass soll vergehen - der Mensch soll bleiben. Die Gewalt soll vergehen - der Mensch soll bleiben. Die Lieblosigkeit soll vergehen - der Mensch soll bleiben. Die Menschenverachtung soll vergehen - der Mensch soll bleiben. Denn Gottes Ziel ist nicht Vernichtung, sondern Verwandlung; nicht Verwerfung, sondern Heilung.

Vielleicht könnten wir deshalb den alten Satz noch weiterführen: Verurteile das Lebensfeindliche - doch gib niemals den Menschen auf. Genau darin zeigt sich die Menschenfreundlichkeit Gottes, die in Jesus ein menschliches Gesicht angenommen hat.

Das Netz Gottes ist unendlich weit. So gelesen wird das Gleichnis nicht zur Drohbotschaft, sondern zum Evangelium. Die frohe Botschaft lautet: Gott gibt keinen Menschen auf. Sein Netz reicht hinein in die unergründlichen Tiefen unseres Lebens und nimmt ›von jeder Art‹ auf. Es umfasst auch jene, die schon längst bei Menschen als ›unrein‹, unpassend oder unerwünscht gelten.

Jesus, der dieses Gleichnis erzählt, ist die menschgewordene Güte und Menschenliebe Gottes. Wir können das Bild des Netzes so weiterdenken: Gott wirft keinen Menschen weg. Er entfernt aus unserem Leben nur das, was uns hindert, ganz Mensch zu werden. Was bleibt, ist jenes, wozu wir von Anfang an geschaffen sind: Menschen, die lieben können, Frieden lernen, Barmherzigkeit erfahren und Barmherzigkeit schenken.