Texterläuterung zu Matthäus 16, 13-20
Text: Matthäusevangelium 16, 13-20 - Einheitsübersetzung neu
13 Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger und sprach: Für wen halten die Menschen den Menschensohn? 14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. 15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? 16 Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! 17 Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. 19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein. 20 Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.
Texterläuterung
Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?
"In das Gebiet von Cäsarea Philippi":
Wörtlich: "in das Gebiet von Cäsarea, dem des Philippus". Der römische Kaiser Augustus schenkte dieses Gebiet, in dem der Jordan entspringt und das etwa 40 km nördlich
vom See Genesareth liegt und Paneas hieß (heute: Banyas), dem König Herodes dem Großen. Herodes baute dort zu Ehren des römischen Kaisers einen großen
weißen Marmortempel. Nach dem Tod des Herodes des Großen im Jahr 4 v. Chr. wurde sein Reich vom römischen Kaiser Augustus unter den drei Söhnen des Herodes aufgeteilt.
Philippus (genau: Herodes Philippos) erhielt die Herrschaft über Gaulanitis (= den heutigen Golan), Auranitis, Batanäa, Trachonitis, Ituräa und Paneas. Er regierte von 4 v.
Chr. bis 34 n. Chr. Philippus baute dem römischen Kaiser zu Ehren die Stadt Cäsarea Philippi (caesarea = Kaiserstadt; Philippi = von Philippus erbaut) und machte sie zur
Hauptstadt über seinen Herrschaftsbereich. In der Umgebung von Cäsarea Philippi befanden sich zahlreiche alte Kultstätten und Tempel zu Ehren syrischer Gottheiten (z. B.
für den Gott Baal) und zu Ehren griechischer Gottheiten (z. B. für den Gott Pan). Die griechische Göttersage erzählt, dass in einer Höhle in Paneas der griechische
Hirtengott Pan geboren ist. Deswegen erhielt die Gegend den Namen Paneas.
"Für wen halten die Leute den Menschensohn?":
Jesus sprach hier von sich in der 3. Person und nannte sich ›Menschensohn‹. Etwa 50 verschiedene Namen und Titel stehen für Jesus im Neuen Testament, wie z. B. Christus
(hebräisch: Messias, deutsch: der Gesalbte), Kyrios (deutsch: Herr) und Sohn Gottes. Sie sind Ausdruck der vielen Bilder, die sich seine Zeitgenossen und auch die Nachwelt von ihm
gebildet haben. Jesus hat nur einen Namen für sich verwendet und der lautet ›Menschensohn‹. ›Menschensohn‹ kommt aus der jüdischen Religion. Schon
hier ist der Begriff mehrdeutig. Menschensohn kann für das Volk Israel stehen; es kann der endzeitliche Retter Israels sein, der Heilskönig der Endzeit oder ein Himmels- bzw.
Engelswesen; es kann eine endzeitliche Richtergestalt sein; schließlich lässt es der damalige jüdische Sprachgebrauch zu, dass Menschensohn eine Bezeichnung für den
Menschen schlechthin ist. Das Neue Testament enthält die Bezeichnung Menschensohn 83mal. Jesus sprach immer dann vom Menschensohn, wenn er von sich selbst sprach. Was meinte er damit,
wenn er sich Menschensohn nannte? Jesus hat es vermieden, sich Messias zu nennen. Denn er war ein ganz anderer Messias, als das israelitische Volk erwartet hat. Erwartet wurde ein
mächtiger Herrscher-Messias. Jesus aber ist der Messias, der von Macht im Sinne von Herrschen und Gewalt nichts hält, sondern einzig auf die Macht der Liebe setzt. Jesus
bezeichnete mit dem Wort ›Menschensohn‹ wohl den Messias, aber den Messias der Liebe.
Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.
Die Leute sagten nicht: Er IST Johannes der Täufer, oder er IST Elija, oder er IST Jeremia, sondern er IST WIE Johannes der Täufer, oder WIE der alttestamentliche Prophet Elija, oder WIE der alttestamentliche Prophet Jeremia.
Johannes der Täufer ist das erste Modell zur Deutung der Person Jesu. Johannes rief die Menschen dazu auf, ihr Leben radikal zu ändern, sich von Habgier und Ungerechtigkeit abzuwenden und Gutes zu tun. Als äußeres Zeichen für diesen Neubeginn und die Vergebung der Sünden taufte er die Menschen im Fluss Jordan. Andere sahen in Jesus den Propheten Elija. Elija trat in einer Zeit auf, in der König Ahab und dessen phönizische Frau Isebel den Baalskult zur Staatsreligion erhoben hatten. Seine Botschaft forderte eine klare Entscheidung vom Volk Israel: "Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten? Wenn Jahwe der wahre Gott ist, dann folgt ihm; wenn es aber Baal ist, dann folgt ihm!" Wieder andere verbindet Jesus mit dem Propheten Jeremia. Jeremia hat verkündet, dass Gott einen neuen Bund mit dem Volk Israel schließen wird, bei dem das Gesetz nicht mehr auf Steintafeln steht, sondern den Menschen direkt ins Herz geschrieben wird.
Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
›Messias‹ heißt im Hebräischen ›Maschiach‹ oder ›Moschiach‹, im Aramäischen ›Meschiah‹, im Griechischen
›Christos‹, im Lateinischen ›Christus‹ und im Deutschen ›der Gesalbte‹.
Die Bezeichnung ›Sohn Gottes‹ bzw. ›Sohn des lebendigen Gottes‹ drückt aus, dass Jesus mit Gott wesensgleich, also der Mensch gewordene Gott und die
Mensch gewordene Liebe Gottes ist.
Einige Verse später zeigt die Reaktion des Petrus, wie weit er noch entfernt war, zu erkennen, was Jesus mit dem Anspruch, der Messias und Sohn Gottes zu sein, wirklich gemeint hat. (Mt 16, 21-23)
"Selig bist du":
Das bedeutet im wörtlichen Sinn ›glückselig bist du‹, ›zu beglückwünschen bist du‹, weil du zur Erkenntnis und zum Glauben gefunden hast,
dass du in mir Gott begegnest. Diese Erkenntnis und diesen Glauben hast du nicht aus dir selber (= ›nicht Fleisch und Blut‹), sondern Gott hat sie dir gegeben.
"Simon Barjona":
Bar = Sohn, und Jona = Kurzform für Johanan.
Die wortgetreue Übersetzung des griechischen Wortes für ›offenbaren‹ heißt ›die Decke wegziehen‹, ›enthüllen‹.
Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
"auf diesen Felsen (griechisch: petra)": Die Metapher ›Fels‹ wird in den Büchern des Alten Testamentes auf Gott angewendet, z. B. "Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter, mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge, mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht." (Psalm 18, 3)
Das griechische Wort ›ekklesía‹, das hier mit ›Kirche‹ übersetzt wird, bedeutet: die herausgerufene bzw. zusammengerufene Versammlung, Gemeindeversammlung, gottesdienstliche Versammlung, Gemeinde. Gemeint ist die Gemeinschaft aller Menschen, die an Jesus als ihren Heiland und Erlöser glauben.
"Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen":
Was wollte Jesus sagen, wenn er hier die Metapher ›Fels‹ verwendete?
Dazu gibt es mehrere Erklärungsmöglichkeiten:
1. Erklärung: Sie stammt von Augustinus (römischer Bischof und Kirchenlehrer). Er verstand unter dem Felsen Jesus selbst. Demnach würden die Worte Jesu "Du bist Petrus,
und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen" bedeuten: ›Du bist Petrus, und auf mich, dem Felsen, werde ich meine Kirche bauen‹.
2. Erklärung: ›Fels‹ ist die Wahrheit, dass Jesus der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist: ›Du bist Petrus, und auf der Wahrheit, dass ich der Sohn
des lebendigen Gottes bin, werde ich meine Kirche bauen‹.
3. Erklärung: ›Fels‹ ist der Glaube des Petrus, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Auf diesen Glauben ist die Gemeinschaft aller an Christus Glaubenden gebaut:
›Du bist Petrus, und auf deinen Glauben, dass ich der Sohn Gottes bin, werde ich meine Kirche bauen‹.
4. Erklärung: Petrus ist nicht der Fels, auf den die Gemeinschaft aller an Christus Glaubenden gebaut ist. Dieser Fels ist Christus selber, wie es das Kirchenlied ›Ein
Haus voll Glorie schauet‹ zum Ausdruck bringt: "Die Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein". Petrus ist in dieser Gemeinschaft der erste, der erkannt hat, wer Jesus ist,
und der als erster zum Glauben an Jesus den Sohn des lebendigen Gottes gefunden hat: "Du bist Petrus, du bist der erste, dem Gott die Erkenntnis, wer ich bin, und der erste, dem Gott
den Glauben an mich den Messias geschenkt hat. Und deine Aufgabe, Petrus, ist es, den anderen mit deiner Erkenntnis und deinem Glauben als treuer Zeuge voranzugehen."
"und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen":
Wortgetreue Übersetzung: "und die Tore des Hades werden sie nicht überwinden". Hades wird in der griechischen Sage der Ort der Toten, ›die Unterwelt‹, und
zugleich der ›Gott der Unterwelt‹ bezeichnet. Es handelt sich nicht um einen Ort der Strafe. Gemeint ist, dass Jesus der Christus und alle Menschen, die auf ihn vertrauen
und ihm nachfolgen, alles überwinden, was die Bibel ganzheitlich unter ›Tod‹ versteht: nämlich den Tod mitten im Leben in allen seinen Formen und
Gesichtern.
Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.
"die Schlüssel des Himmelreichs":
Das Bild vom Schlüssel geht auf ein Bild im Buch des Propheten Jesaja zurück (Jes 22, 20-22). Dort ist von Eljakim die Rede, auf dessen Schultern die Schlüssel des Hauses
David gelegt wurden. Eljakims Aufgabe war es, ein treuer Verwalter des Hauses zu sein, am Morgen die Tür aufzuschließen, alle Besucher einzulassen und am Abend die Tür
wieder zu schließen.
In manchen Köpfen bestand und besteht die irrtümliche Überzeugung, der Träger des Petrusamtes könne jemandem den Zutritt zum Reich Gottes verweigern und der
Himmel würde diese Verweigerung gutheißen und bestätigen.
Die Schlüssel des Himmelreiches, die Jesus dem Petrus gegeben hat, haben nichts zu tun mit Macht und Gewalt (Schlüsselgewalt), wie manche denken und sagen; denn Macht und
Gewalt haben bei Gott, der die grenzenlose Liebe ist, keinen Platz.
Die erste Aufgabe und die große Verantwortung von Petrus und seinen Nachfolgern ist es, an erster Stelle vor allen anderen Christinnen und Christen durch Wort und beispielhaftes
Leben den Menschen die Tür zum Glauben, zur Hoffnung und zur Liebe zu öffnen.
"was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein":
Die Begriffe ›binden und lösen‹ stammen aus dem Vokabular jüdischer Schriftgelehrter. Damit meinte man die Vollmacht, das Gesetz des Moses verbindlich
auszulegen, Normen zu sanktionieren oder Ausnahmen zu erlauben. Entscheidend für diese Auslegung war der Grundsatz: Gebote sind von Gott gegeben, damit der Mensch durch sie lebe.
Binden und Lösen sind also Lebenshilfen für die Menschen: Der Zwanghafte, der von Schuld oder Angst Gefesselte braucht Lösung. Der Haltlose, der Orientierungslose braucht
Bindung an einen Lebenssinn, an Gott. Grundprinzip ist dabei als Schlüssel stets die ›aufschließende Kraft‹ der absoluten und unverlierbaren Liebe Gottes.
Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Messias sei.
Die Jünger hatten zwar erkannt, dass Jesus der Messias Gottes ist, aber sie verstanden darunter etwas völlig anderes als Jesus. Sie dachten immer noch, der Messias werde notfalls mit Gewalt und Krieg die Römer vertreiben und in Israel das ewige Reich des Friedens und der Gerechtigkeit errichten. Das war der Grund, warum ihnen Jesus zu schweigen gebot. Wenn sie Jesus als mächtigen Herrscher-Messias verkündet hätten, wäre es garantiert zu Aufruhr und gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen.