Kommentar zu Matthäus 23, 1-11
Text: Matthäusevangelium 23, 1-11 - Übersetzung: Gute Nachricht Bibel
1 Dann sprach Jesus zu der Volksmenge und zu seinen Jüngern: 2 "Die Schriftgelehrten und Pharisäer sind dazu eingesetzt, euch das Gesetz von Mose auszulegen. 3 Richtet euch nach ihren Worten und tut alles, was sie euch sagen! Nehmt euch aber kein Beispiel an ihren Taten! Denn sie halten selbst nicht ein, was sie von den anderen verlangen. 4 Sie denken sich schwere, fast unerträgliche Forderungen aus und bürden sie den Menschen auf, doch sie selbst rühren keinen Finger, um diese Lasten zu tragen. 5 Mit allem, was sie tun, stellen sie sich zur Schau. Sie tragen besonders breite Gebetsriemen und an den Gewändern auffällig lange Quasten. 6 Bei den Festen wollen sie die Ehrenplätze bekommen, und auch in der Synagoge sitzen sie am liebsten in der ersten Reihe. 7 Es gefällt ihnen, wenn man sie auf der Straße ehrfurchtsvoll grüßt und ›Rabbi‹ nennt. 8 Lasst ihr euch nicht so anreden! Nur Gott ist euer Meister, ihr seid untereinander alle Geschwister. 9 Ihr sollt auch niemanden auf der Erde %rsaquo;Vater‹ nennen, denn nur einer ist euer Vater: Gott im Himmel. 10 Ihr sollt euch auch nicht Lehrer nennen lassen, weil ihr nur einen Lehrer habt: Christus. 11 Wer unter euch groß sein will, der soll allen anderen dienen.
Kommentar
Die Auseinandersetzung Jesu mit den Schriftgelehrten und Pharisäern gehört zu den eindringlichsten Stellen des Matthäusevangeliums. Seine Kritik richtet sich nicht gegen das Judentum, sondern gegen eine religiöse Haltung, die zu allen Zeiten auftreten kann. Menschen beanspruchen, Gottes Wahrheit zu besitzen, legen anderen Vorschriften auf und verlieren dabei das Wesentliche aus den Augen: die Menschlichkeit. Jesus fragt nicht danach, wer am meisten über Gott weiß, sondern wer aus seiner Liebe lebt.
Ein Besucher von einem fremden Planeten möchte herausfinden, woran man einen wirklichen Christen erkennt. Er besucht einen katholischen Pfarrer, der ihn an den Bischof verweist. Dieser nennt den Papst als höchste Autorität. Doch bald entdeckt der Besucher zahlreiche christliche Kirchen, die unterschiedliche Lehren vertreten und jeweils beanspruchen, die Wahrheit zu verkünden. Verwirrt fragt er sich, wie Menschen im Namen eines liebenden Gottes einander ausschließen können. Jesus gibt darauf eine einfache Antwort: Entscheidend ist, den Willen Gottes zu tun. Im Gleichnis vom Weltgericht macht er deutlich, worin dieser Wille besteht: Hungrige speisen, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen und Menschen in Not beistehen. Nicht die Religionszugehörigkeit entscheidet über die Nähe zu Gott, sondern die gelebte Liebe.
Jesus übt Kritk an der Haltung der Schriftgelehrten, die auf dem Lehrstuhl des Mose sitzen und Gottes lebendige Botschaft in ein starres System von Vorschriften verwandeln und sich auf das Gesetz des Mose berufen. Dabei steht Mose für eine befreiende Gotteserfahrung. Am brennenden Dornbusch begegnet ihm ein Gott, der das Leid seines Volkes sieht, seine Schreie hört und ihm eine neue Zukunft eröffnet. Gott ist keine abgeschlossene Wahrheit, die Menschen verwalten können. Er begleitet sie auf ihrem Weg, ermutigt sie zum Aufbruch und führt sie in die Freiheit. Wo Religion nur aus Regeln, Erklärungen und Belehrungen besteht, geht diese lebendige Beziehung verloren.
Wissenschaft und Theologie können biblische Texte erschließen, geschichtliche Zusammenhänge erklären und religiöse Vorstellungen hinterfragen. Doch Wissen allein schafft noch keine Beziehung. Wer einen Menschen verstehen will, muss ihm begegnen, zuhören und sich von seinem Leben berühren lassen. Das gilt auch für die Begegnung mit Gott. Der erste Johannesbrief sagt: Gott ist Liebe. Diese Wahrheit erschließt sich nicht durch Nachdenken. Liebe wird erfahrbar, indem Menschen selbst lieben. Wer Gott sucht, findet ihn nicht nur in Büchern und Lehrsätzen, sondern mitten im menschlichen Leben.
Besonders entschieden wendet sich Jesus gegen die Haltung jener, die anderen schwere Lasten aufbürden, ohne selbst einen Finger zu rühren. Religiöse Vorschriften können zu Werkzeugen der Macht werden. Wer behauptet, Gottes Willen verbindlich zu kennen, kann Menschen einschüchtern, bevormunden und ausgrenzen. Besonders betroffen sind jene, die wenig Bildung besitzen oder unter schwierigen Lebensbedingungen leiden. Jesus stellt sich auf ihre Seite. Seine Haltung zum Sabbat zeigt, dass für ihn nicht die buchstabengetreue Erfüllung eines Gesetzes zählt, sondern das Wohl des Menschen. Gottes Gebote sollen Leben ermöglichen, nicht Menschen bedrücken.
Dies trifft auch die christlichen Kirchen. Wo Amtsträger aufgrund ihrer Ausbildung, ihrer Titel oder ihrer Stellung besondere Vorrechte beanspruchen, entsteht eine gefährliche Distanz zu den Menschen. Jesus durchschaut die Sehnsucht nach Anerkennung, die sich in Ehrenplätzen, besonderen Gewändern und ehrfurchtgebietenden Anreden ausdrückt. Religiöse Autorität verliert ihren Sinn, sobald sie dazu dient, Macht über das Gewissen anderer auszuüben. Niemand besitzt Gott. Niemand kann beanspruchen, allein über den Zugang zu ihm zu verfügen.
Deshalb fordert Jesus seine Jüngerinnen und Jünger auf, sich nicht Rabbi, Vater oder Lehrer nennen zu lassen. Er stellt damit nicht menschliche Bildung oder hilfreiche Begleitung infrage, sondern jede religiöse Überordnung. Alle Menschen stehen unmittelbar vor Gott. Sie sind Geschwister, die gemeinsam lernen, suchen und wachsen. Niemand ist mit seinem Glauben fertig. Niemand hat Gottes Wahrheit vollständig erfasst. Auch Menschen, die andere unterrichten oder begleiten, bleiben selbst Lernende. Eine lebendige Glaubensgemeinschaft entsteht dort, wo Menschen einander ernst nehmen, Fragen zulassen und sich gegenseitig bereichern.
Daraus erwächst eine neue Art des Zusammenlebens. Wer einem anderen aufmerksam zuhört, begegnet nicht einem Menschen, den er belehren oder verändern muss, sondern einer unverwechselbaren Persönlichkeit mit eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Verletzungen. In solcher Begegnung wird Gottes Gegenwart erfahrbar. Der andere Mensch ist kein Objekt religiöser Fürsorge, sondern ein Gegenüber, dessen Würde unantastbar ist. Echte Hilfe beginnt damit, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und seine Freiheit zu achten.
Am Ende stellt Jesus alle menschlichen Rangordnungen auf den Kopf: "Der Größte von euch soll euer Diener sein." Dienen bedeutet nicht Selbsterniedrigung oder blinden Gehorsam. Es bedeutet, die eigenen Fähigkeiten zum Wohl anderer einzusetzen, Menschen aufzurichten, ihre Lasten mitzutragen und ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Diese Verantwortung umfasst auch die Schöpfung, die uns anvertraut ist.
Nicht wer über Gott verfügt, ist ihm nahe, sondern wer in Liebe für andere da ist.