Überwindung der Verzweiflung
durch Sich Fallenlassen in Gott
oder: Ein Gebet des gekreuzigten Jesus
Text: Psalm 22, 2-32 - Übersetzung: Hoffnung für alle
2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie verzweifelt, doch du bist so weit weg, nirgendwo
scheint mir Rettung in Sicht zu sein.
3 Mein Gott, Tag und Nacht rufe ich zu dir um Hilfe, aber du antwortest nicht und schenkst mir keine Ruhe.
4 Du bist doch der heilige Gott! Du bist es, dem das Volk Israel seine Loblieder singt.
5 Unsere Vorfahren haben sich auf dich verlassen, und du hast ihnen immer wieder geholfen.
6 Zu dir schrien sie und wurden gerettet. Sie vertrauten dir, und du hast sie nicht enttäuscht. Sie vertrauten dir,
und du hast sie nicht enttäuscht.
7 Und was ist mit mir? Ein Wurm bin ich, kein Mensch mehr - nur noch Hohn und Spott hat man für mich übrig.
8 Alle Leute machen sich über mich lustig. Wer mich sieht, verzieht sein Gesicht und schüttelt
verächtlich den Kopf.
9 'Überlass Gott deine Not!', lästern sie, 'der soll dir helfen und dich retten! Er liebt dich doch, oder
etwa nicht?'
10 Du, Herr, hast mich aus dem Leib meiner Mutter gezogen. Schon an ihrer Brust hast du mich Vertrauen gelehrt.
11 Du bist mein Gott, seitdem mein Leben begann. Seit der Stunde meiner Geburt bin ich auf dich angewiesen.
12 Bleib mir jetzt doch nicht fern! Groß ist meine Angst! Weit und breit gibt es keinen, der mir hilft.
13 Viele Feinde kesseln mich ein, umringen mich wie wilde Stiere.
14 Sie reißen ihr Maul auf wie brüllende Löwen, die ihre Beute zerfleischen wollen.
15 Meine Kraft schwindet wie Wasser, das versickert, und alle meine Knochen sind wie ausgerenkt. Mein Herz
verkrampft sich vor Angst,
16 und meine ganze Kraft ist dahin, verdorrt wie eine staubige Tonscherbe. Die Zunge klebt mir am Gaumen. Du
lässt mich im Tode versinken.
17 Eine Meute böswilliger Menschen umkreist mich, gierig wie wildernde Hunde. Hände und
Füße haben sie mir durchbohrt.
18 Ich kann alle meine Knochen zählen. Sie aber starren mich schadenfroh an.
19 Schon teilen sie meine Kleider unter sich auf und losen um mein Gewand.
20 Herr, wende dich nicht länger von mir ab! Nur du kannst mir neue Kraft geben, komm mir schnell zu Hilfe!
21 Rette mich vor dem tödlichen Schwert, bewahre mich vor den Krallen der Hundemeute! Ich habe doch nur dieses
eine Leben!
22 Reiß mich heraus aus dem Rachen der Löwen und beschütze mich vor den Hörnern dieser wilden
Stiere! Und tatsächlich, Herr: Du hast mich erhört!
23 Ich will meinen Brüdern deinen Namen bekannt machen, vor der ganzen Gemeinde will ich dich loben.
24 Alle, die ihr den Herrn achtet, preist ihn! Ihr Nachkommen von Jakob, ehrt ihn! Begegnet ihm in Ehrfurcht, ihr
vom Volk Israel!
25 Denn er hat den Hilflosen nicht verachtet, über sein Elend ging er nicht hinweg. Nein, Gott wandte sich nicht
von ihm ab, sondern hörte auf ihn, als er um Hilfe schrie.
26 Herr, jetzt habe ich allen Grund, dir vor der großen Gemeinde ein Loblied zu singen. Was ich dir in meiner
Not versprochen habe, löse ich nun ein; alle, die Ehrfurcht vor dir haben, sind meine Zeugen.
27 Die Armen sollen sich wieder satt essen. Alle, die nach dem Herrn fragen, sollen ihn loben. Euer Leben lang
dürft ihr euch daran freuen!
28 Auch in den fernsten Ländern werden Menschen Gott erkennen und zu ihm umkehren, ja, alle Völker werden
sich vor ihm niederwerfen.
29 Denn der Herr ist König, er herrscht über alle Nationen.
30 Auch die Großen dieser Erde müssen vor ihm niederfallen, sie, die immer mehr als genug zu essen hatten.
Ja, vor ihm werden einmal alle Menschen ihre Knie beugen, alle Sterblichen, denen das Leben zwischen den Fingern
zerrinnt.
31 Die kommenden Generationen werden ihm dienen, eine wird der nächsten von ihm erzählen.
32 Selbst die Menschen, die noch nicht geboren sind, werden von seinen gerechten Taten hören, und man wird sagen:
'Der Herr hat es vollbracht!'
Deutung des Psalmengebetes
Vers 2 - 3 drücken tiefe Verzweiflung aus. Der Beter bittet Gott um Hilfe, aber Gott reagiert nicht.
Verse 4 - 6: Der Beter findet Hoffnung und Trost in dem Gedanken, dass Gott seinen Vorfahren geholfen und sie gerettet hat.
Verse 7 - 9: Die Erinnerung an Hilfestellungen Gottes an seinen Vorfahren reicht dem Beter aber nicht. Seine Verzweiflung wird dadurch nur noch stärker. Dazu erlebt er, dass sich andere über seine Not lustig machen.
Verse 10 - 12: Der Beter denkt jetzt an seine Mutter und seine Geburt: 'Du, Herr, hast mich aus dem Leib meiner Mutter gezogen. Schon an ihrer Brust hast du mich Vertrauen gelehrt.' Dazu merkt Erich Fromm in seinem Buch 'Ihr werdet sein wie Gott' an: 'Dieser Satz ist ein wundervoller Ausdruck des 'Urvertrauens', des ganz ursprünglichen Glaubens, der dem Kinde mitgegeben ist. Es ist der Glaube an die vorbehaltlose Liebe der Mutter, der Glaube, dass sie es nähren wird, wenn es hungrig ist, dass sie es zudecken wird, wenn es friert, und dass sie es trösten wird, wenn ihm etwas weh tut ... Sie (die Liebe der Mutter) drückt sich in der unmissverständlichen Sprache des Körpers aus und hängt von keinerlei Bedingungen ab. Deshalb ist die Erinnerung an die Liebe der Mutter die allerberuhigendste für jemand, der sich verloren und im Stich gelassen fühlt.'
Verse 13 - 19: Der bisherige Trost genügt nicht. Mit neuer Heftigkeit überfällt Verzweiflung den Beter.
Verse 20 - 22: Der Beter wendet sich an Gott und fleht um Hilfe und Rettung. Dann werden plötzlich wie durch ein Wunder die Bitten von Gott erhört.
Verse 23 - 32: Der Beter ist nun ein neuer Mensch. Lobpreis Gottes erfüllt jetzt sein Herz. In seiner Begeisterung ruft er die Menschen in seiner Gemeinde auf es ihm gleich zu tun. Groß ist die Gewissheit des Beters, dass einmal alle Menschen in allen Völkern Gott preisen und ihm für seine Großtaten danken werden.
Gedanken
Die Verfasser des Matthäus- und Markusevangelium erzählen, dass Jesus am Kreuz den Anfang des Psalms 22 laut geschrien hat: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!' Auch wenn schwer vorstellbar ist, dass Jesus in seiner körperlichen Verfassung am Kreuz - dem Ersticken nahe - noch schreien konnte, können wir annehmen, dass Jesus dieses uralte Gebet zur Gänze in seinem Herzen gesprochen hat.
Jesus am Kreuz, ich fühle mich in dich ein.
'Tiefste Not, qualvolles Leiden, unsägliche Schmerzen, ständige äußerste Atemlosigkeit und Erstickungsgefahr, quälender Durst, Todesängste, der Wunsch nach einem raschen Sterben, der Verzweiflung nahe, größte Zweifel an Gott, das Gefühl höchster Einsamkeit, Verlassenheit und Vergessenheit, Verhöhnung, Verspottung, Schadenfreude und Lästerung von Seiten der Gegner und kranker Sadisten, nackt ausgesetzt den Gaffern und geilen Voyeuren.
Zwischendurch immer wieder Aufflackern deines Urvertrauens auf deinen Abba-Gott.

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Schließlich Überwindung deiner Angst und Not, deiner Gottverlassenheit und Verzweiflung durch deine Rückkehr zum Urvertrauen auf deinen Abba-Gott. Deine letzten Worte sind Gottvertrauen: Abba, in deine Hände lasse ich mich fallen.'